Praxistest Kia EV9 GT: Unvernünftig, aber kein Unsinn

Fahrt Elektroautos, haben sie gesagt. Das schont die Umwelt, haben sie gesagt. Im Betrieb seien sie obendrein günstiger, haben sie gesagt. Und dann fährt der Kia EV9 GT auf den Hof: mehr als fünf Meter lang, knapp zwei Meter breit, rund 2,7 Tonnen schwer, mit 508 PS und Kleiderschrank-Karosserie. Vernünftig ist das nicht. Muss es aber auch nicht sein. Der EV9 GT ist ein elektrischer Familienexpress mit Leistungsüberschuss, sechs Sitzen, 800-Volt-Architektur und beeindruckenden Zuglast. Und wer den GT nicht als Sportwagen auf Stelzen missversteht, entdeckt ein überraschend talentiertes Langstreckenauto.

Der Kia EV9 war schon bislang kein Fahrzeug für Menschen, die im urbanen Alltag gern unsichtbar bleiben. Als GT legt er noch einmal nach. Exklusive 21-Zoll-Räder, neongrüne Bremssättel, GT-Schriftzüge, eine eigene Lichtsignatur und dezente Akzente an Front und Heck markieren die stärkste Version der Baureihe. In dunklen Farben wirkt der Koloss besonders martialisch: weniger Familien-SUV als rollender Sicherheitsdienst für Staatsgäste. Mit 5,02 Metern Länge, 1,98 Metern Breite und 1,76 Metern Höhe verlangt der EV9 im Alltag Platz und Geduld. Die große Karosserie ragt in vielen Parkhäusern deutlich über das gefühlte Normalmaß hinaus. Enge Garagen werden schnell zur körperlichen Herausforderung, zumal breite Türen und hohe Sitzposition beim Aussteigen nicht immer ideale Partner sind.

Dafür bietet die kantige Form einen handfesten Vorteil: Man erkennt die Abmessungen gut. Die hohe Fensterlinie, die aufrechte Front und die fast senkrechten Flanken geben dem Fahrer ein gutes Gefühl für die äußeren Fahrzeugkanten. Die mächtigen A-Säulen schränken die Sicht in engen Kreuzungen zwar etwas ein, insgesamt lässt sich der EV9 für seine Dimensionen aber erstaunlich unkompliziert manövrieren. Auch der vergleichsweise kleine Wendekreis hilft im Stadtverkehr mehr, als man diesem Fahrzeugkoloss zunächst zutrauen würde.

Im Innenraum zeigt sich der EV9 GT weniger extrovertiert als außen, aber keineswegs langweilig. Schwarze Oberflächen, Alcantara-Einsätze, Lederoptik und neongrüne Ziernähte schaffen eine angenehm dunkle, technische Atmosphäre. Die GT-Akzente wirken dabei nicht wie nachträglich eingeklebte Sportabteilung, sondern passen erstaunlich gut zum futuristischen Auftritt des Fahrzeugs.

Vor dem Fahrer spannt Kia eine breite Displaylandschaft auf: zwei 12,3-Zoll-Bildschirme für Instrumente und Infotainment, dazwischen ein 5,3-Zoll-Display für die Klimafunktionen. Dazu kommen Head-up-Display, Digital Key 2.0, Kia Connect und eine Meridian-Soundanlage mit 14 Lautsprechern. Passt perfekt! Allerdings hinterlässt die Bedienung einen gemischten Eindruck. Grundsätzlich ist das Kia-System übersichtlich strukturiert. Die Menülogik erschließt sich nach kurzer Eingewöhnung, die Sprachsteuerung funktioniert zuverlässig und die Tasten am Lenkrad erleichtern den Zugriff auf zentrale Funktionen.

Doch manches wirkt unnötig kompliziert. Das schmale Klimadisplay ist je nach Lenkradposition teilweise verdeckt, und die Reihe unter dem Infotainmentbildschirm sieht nach Touchleiste aus, besteht aber aus schlecht voneinander abgegrenzten physischen Tasten. Während der Fahrt trifft man sie deshalb nicht immer auf Anhieb. Immerhin hält Kia an echten Bedienelementen für Klima und Lautstärke fest. Das ist im Jahr 2026 fast schon eine erfreuliche Form der Kundenorientierung.

Beim Raumangebot spielt der EV9 dagegen seine ganz große Stärke aus. Der 3,10 Meter lange Radstand schafft ein luftiges Ambiente, vor allem vorn und in der zweiten Reihe. Die getestete Sechssitzer-Konfiguration bringt zwei Captains Chairs im Fond mit, die sich elektrisch verstellen, zur Tür schwenken und den Zugang zur dritten Reihe erleichtern. Heizung, Belüftung und ausklappbare Beinauflagen machen sie zu echten Reisesesseln; nur die Massagefunktion bleibt den vorderen Plätzen vorbehalten.

Die dritte Reihe ist mehr als eine Notlösung, richtet sich aber dennoch eher an Kinder, Jugendliche oder kleinere Erwachsene. Mit sechs groß gewachsenen Personen wird es im Fond naturgemäß enger, als die schiere Außenlänge vermuten lässt. Praktisch bleibt der Kia trotzdem: 333 Liter fasst der Kofferraum bei voller Bestuhlung, 828 Liter bei umgelegter dritter Reihe und bis zu 2393 Liter maximal. Zusätzlich gibt es 52 Liter Stauraum unter der Fronthaube – ideal für Ladekabel, Warndreieck und andere Dinge, die sonst lose im Heck herumfahren.

Zwei Elektromotoren, Allradantrieb, 374 kW beziehungsweise 508 PS und 740 Nm Drehmoment: Die Daten lassen keinen Zweifel daran, dass der EV9 GT kräftig motorisiert ist. Den Sprint von null auf 100 km/h erledigt er entsprechend in 4,6 Sekunden, bei 220 km/h wird elektronisch abgeregelt. Für ein sechssitziges Elektro-SUV dieser Größenordnung mehr als eindrucksvoll.

Vor allem im GT-Modus schiebt der Kia beim Beschleunigen vehement an. Bei Ampelstarts, Überholmanöver auf der Landstraße oder dem Einfädeln auf die Autobahn wird der kantige Koloss zum Sportwagen, der für Kribbeln im Bauch sorgt. Bei behutsamen Druck aufs Pedal baut der EV9 sein Tempo souverän und nahezu lautlos auf. Erst bei höheren Geschwindigkeiten wird deutlich, dass Masse und Stirnfläche nicht verschwinden, nur weil 508 PS dagegen arbeiten.

Jenseits der 100 km/h wirkt der Vortrieb weniger spektakulär, aber noch immer nachdrücklich. Kia ergänzt den stärkeren Antrieb um ein elektronisch geregeltes Fahrwerk, ein elektronisches Sperrdifferenzial an der Hinterachse und Torque Vectoring. In schnellen Kurven sorgt das für Stabilität, besonders beim Herausbeschleunigen. Dennoch vermittelt der EV9 GT keine echte Leichtigkeit. Dafür ist er schlicht zu groß und zu schwer.

Die Lenkung trägt ihren Teil dazu bei. Sie ist im Stadtverkehr etwas schwergängig, im Sportmodus straffer. Es fehlt etwas an Rückmeldung und Präzision rund um die Mittellage. Auf langen Autobahnkurven oder bei schnellen Auf- und Abfahrten wünscht man sich mehr Ruhe und eine klarere Linie. Auf der Autobahn gleitet er souverän, bügelt Unebenheiten überzeugend weg und bleibt auch auf längeren Strecken erstaunlich entspannt. Bei niedrigen Geschwindigkeiten und auf schlechten Straßen überzeugt das Fahrwerk mit seinem komfortablen Charakter.

Zum GT-Paket gehören auch das Virtual Gear Shift und der künstliche Motorsound über die Meridian-Anlage, beides hätte es nicht gebraucht. Technisch sind die simulierten Schaltvorgänge und akustischen Rückmeldungen zwar ordentlich umgesetzt. Inhaltlich bleibt die Funktion allerdings eine Spielerei. Warum sollte sich ein lautloser Stromer als lärmender Sportwagen inszenieren?

Der 99,8-kWh-Akku nutzt eine 800-Volt-Architektur und lädt an geeigneten DC-Säulen mit bis zu 210 kW. Kia nennt für den Sprung von zehn auf 80 Prozent 24 Minuten. Im Test waren es stets ein paar Minuten mehr. Beim Verbrauch zeigt der EV9 GT zwei Gesichter. Im Stadtverkehr und auf der Landstraße sind bei zurückhaltender Fahrweise und sinnvoll genutzter Rekuperation Werte unter 20 kWh pro 100 Kilometer durchaus möglich. Auf der Autobahn kippt die Bilanz allerdings deutlich: Bei konstanten 130 km/h standen ihm Ende 33,3 kWh pro 100 Kilometer auf dem Display. Das ist für ein 2,7-Tonnen-SUV kein Skandal, aber auch kein Effizienz-Wunder. Kias Angabe von 21,7 kWh im WLTP-Schnitt und bis zu 510 Kilometern Reichweite ist unter solchen Bedingungen klar theoretischer Natur.

Unterm Strich ist der Kia EV9 GT sicher nicht der Sportwagen unter den großen Elektro-SUVs. Dafür fehlt ihm trotz brachialer Leistung die Präzision im Lenken und die Agilität im Kurvenverhalten. Als elektrischer Familien-GT im ursprünglichen Sinn funktioniert der Kia dagegen hervorragend: enorm geräumig, außergewöhnlich variabel, sehr kräftig, langstreckentauglich und dank 800-Volt-Technik angenehm schnell wieder aufgeladen. Dazu kommen sechs echte Sitzplätze, bis zu 2,5 Tonnen Anhängelast, viel Ausstattung und ein Preis von 90.490 Euro, der angesichts des Gebotenen zwar hoch, im Vergleich zu vielen Premium-Rivalen dann aber wieder nicht unvernünftig wirkt. (aum)

Daten Kia EV9 GT

Länge x Breite x Höhe (m): 5,02 x 1,98 x 1,76
Radstand (m): 3,10
Antrieb: 2 Elektromotoren, 374kW (508 PS), Allradantrieb, Automatikgetriebe
Max. Drehmoment: 740 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 220 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 4,6 Sek.
Batteriekapazität: 99,8 kWh
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 21,7 kWh
Reichweite (WLTP): 510 km
Max. Ladeleistung: 11 kW AC/ 210 kW DC
Leergewicht / Zuladung: 2718 kg / ?? kg
Kofferraumvolumen: 333-2393 Liter + 52 Liter (Frunk)
Anhängelast: 2500 kg
Grundpreis: 90.490 Euro


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Kia EV9 GT.

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Photo: Frank Wald via Autoren-Union Mobilität


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