Wie China Deutschlands Autoindustrie unter Druck setzt (3): Die Software

Chinesische Hersteller gewinnen in Deutschland und Europa zunehmend Marktanteile. Das ist kein Zufall. Wir zeigen in einer sechsteiligen Serie, mit welchen Strategien chinesische Unternehmen ihre Modellpalettte ausbauen, Technologien vorantreiben sowie neue Kundenkreise gewinnen und damit insbesondere die deutsche Automobilindustrie unter Druck setzen. Diesmal: Die Software. Sie wird zunehmend wichtiger bei der Fahrzeugentwicklung.

Das Auto als Smartphone auf Rädern – diese Umschreibung hat in den letzten Jahren massiv an Bedeutung hinzugewonnen. Und dahinter steckt nicht weniger als eine Revolution im Automobilbau. Nicht mehr Motor und Getriebe allein stehen im Vordergrund der Entwicklung neuer Fahrzeuge, sondern deren Software. Schon 2024 brachte der heutige Volkswagen-Chef Oliver Blume diesen Wandel auf den Punkt: „Früher lautete das Motto ‚Hardware first‘. Software wurde erst im Laufe des Entwicklungsprozesses einbezogen. Heutzutage bestimmt die Software von Anfang an die zentralen Anforderungen an ein neues Fahrzeug.“ Dieses Umdenken fordert insbesondere die Hersteller heraus, die bereits seit langem in etablierten Strukturen arbeiten – und damit eben vor allem auch die deutsche Autoindustrie. Im Vorteil wiederum sind Newcomer – also vor allem Hersteller aus den USA und auch aus China. Auch, weil sie auf umfassendes Knowhow im eigenen Land zurückgreifen können.

„Das Thema Software wird von den großen Tech-Konzernen im Westen und im Osten dominiert“, sagt Dieter Nazareth, Automobilinformatiker an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut. In Deutschland seien vor allem die US-Player – Google, Microsoft, Meta, Open AI – bekannt. Tatsächlich habe sich jedoch in China eine für die westliche Welt weitgehend unbekannte Parallelwelt aufgebaut, so Nazareth. Dort dominieren Firmen wie Tencent, Baidu oder Huawei den Markt. Alle Unternehmen erzielten zuletzt Umsätze in Milliarden-Höhe. China habe sich „von einem Nachahmer zu einem der weltweit führenden Innovationsstandorte für Software entwickelt“, sagt der Experte.

Das zeigt sich nun auch beim Einsatz von Software im Automobil. Das Beratungsunternehmen S&P Global hat in diesem Jahr ein Ranking der fortschrittlichsten Autohersteller beim Thema Software Defined Vehicle erstellt. Beim Software Defined Vehicle werden die wichtigsten Funktionen und Eigenschaften maßgeblich durch die Software bestimmt. Und – das ist ein wesentlicher Unterschied – diese Funktionen lassen sich später durch Over-the-Air-Updates aktualisieren, da Software und Hardware voneinander entkoppelt funktionieren. Die Top 10 der bei diesem Thema fortschrittlichsten Unternehmen – bewertet wurde unter anderem die Over-the-Air-Update-Fähigkeit, die Softwareplattform und die Entwicklungsgeschwindigkeit – wird im Jahr 2026 dominiert von chinesischen Herstellern. Angeführt wird die Liste vom chinesischen Start-up Nio. Zudem werden auch die beiden Hersteller Li Auto und Xpeng von S&P Global als äußerst fortschrittlich eingeschätzt.

Eine Entwicklung, die nicht von ungefähr kommt. Denn China kann auf die Software-Kompetenzen der heimischen Industrie aufbauen. Ein Standortvorteil, gerade gegenüber der deutschen Autoindustrie: „Hier kann man nicht auf die Kompetenzen großer Softwareunternehmen zurückgreifen“, betont Dieter Nazareth. Weil die Wichtigkeit des Themas jedoch erkannt worden war, versuchte sich die deutsche Autoindustrie selbst am Aufbau des Knowhows. Das bekannteste Beispiel dafür ist das Vorhaben Cariad – das Automotive-Software-Unternehmen des Volkswagen-Konzerns, das seit 2020 an einer Software-Plattform arbeitet. Doch genau dieses prominente Vorhaben steht stellvertretend für die Probleme, die Deutschlands Industrie bei dem Thema hat. Cariad gilt heute als Sorgenkind des Konzerns, und das trotz Investitionen in Höhe von rund 14 Milliarden Euro. „Durch das Zusammenfügen von einzelnen Bereichen unterschiedlicher Marken des VW-Konzerns entsteht nicht automatisch ein schlagkräftiges Softwareunternehmen“, sagt Nazareth und fügt hinzu: „Die deutschen Automobilhersteller sind immer noch in erster Linie Maschinenbauer und keine Softwareentwickler.“

In China wiederum sei es genau anders herum. „China verfolgt das Leitbild, das Fahrzeug als digitale Plattform zu entwickeln“, so Nazareth. Software sei dort nicht mehr nur Bestandteil einzelner Steuergeräte, sondern bilde „die zentrale Grundlage für Fahrzeugfunktionen, Benutzererlebnis und kontinuierliche Weiterentwicklung“. Die Hersteller aus China würden das Fahrzeug quasi „um die Software herum“ bauen, sagt er. Dazu passen auch die Aussagen von Führungskräften chinesischer Hersteller. Zhu Jiangming, CEO von Leapmotor, erklärte etwa, dass die Software-Architektur seiner Firma so ausgelegt sei, dass sie nur „ein einziges Gehirn“ besitze, das alle Funktionen steuert.

Die umfangreichen Software-Skills der chinesischen Firmen haben längst auch das Interesse der deutschen Hersteller geweckt. Volkswagen etwa arbeitet mittlerweile mit Xpeng zusammen und nutzt dabei unter anderem die Softwarekompetenzen und die Entwicklungsressourcen des chinesischen Partners. Und Audi setzt bei seinen Fahrzeugen in China auf Software von Huawei.

Düstere Aussichten also für Deutschlands Autoindustrie? Experte Nazareth macht der hiesigen Industrie durchaus Mut. „Deutschland und Europa verfügen weiterhin über erhebliche Stärken in industrieller Software, Embedded Systems, funktionaler Sicherheit und Engineering.“ Insbesondere bei sicherheitskritischen Software-Entwicklungen würden auch chinesische Hersteller auf die Hilfe der deutschen Industrie setzen. Ein prominentes Beispiel dafür findet sich ausgerechnet bei Nio, dem aktuellen Spitzenreiter im Software-Defined-Vehicle-Ranking. Denn die Firma setzt unter anderem auf ein Steer-by-Wire-System – also ein Lenksystem ohne mechanische Verbindung –, das vom deutschen Zulieferer ZF in Friedrichshafen entwickelt wurde und auf dessen Software-System beruht. Zudem erzielten auch die deutschen Hersteller Fortschritte. Mercedes-Benz brachte etwa 2025 mit dem CLA sein erstes Auto auf den Markt, das auf der eigenen Softwarearchitektur MB.OS fußt.

Ein weiteres Beispiel, das zeigt: Das Thema Software ist längst zum Differenzierungsmerkmal der Autobauer geworden. China macht auch bei dieser Technologie Tempo. Doch Deutschland ist nicht chancenlos. Die Software wird aber entscheidend dafür sein, welche Hersteller den Automarkt von morgen prägen. (aum)


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Nio nutzt beim ET9 die Steer-by-Wire-Software von ZF für das Lenksystem.

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