Kommentar: Autos sind keine Smartphones

Lange galt die Verlagerung zentraler Funktionen in die Touchscreens als Fortschritt, doch in der Praxis verschlechtert sie die Bedienbarkeit und lenkt im Straßenverkehr massiv ab. Wer für simple Einstellungen erst tief ins Menü wechseln muss, verliert sekundenweise den Blick für die Straße. Das Team von Auto-Medienportal.net fordert bereits seit Langem die überfällige Rückkehr haptischer Bedienelemente.

Es hat erstaunlich lange gedauert. Jahre, in denen sich die Automobilindustrie beinahe im Gleichschritt auf eine Idee eingeschossen hat, die im Alltag vor allem eines ist: unpraktisch. Die Verlagerung möglichst vieler Funktionen auf große Touchscreens galt als modern, aufgeräumt und zukunftsweisend. Wer widersprach, wirkte schnell wie ein Nostalgiker.

Dabei war das Problem von Anfang an offensichtlich. Wer während der Fahrt erst durch Menüs wischen muss, um die Scheibenwischer zu aktivieren oder die Temperatur zu regeln, ist abgelenkt. Punkt! Jeder Blick aufs Display ist auch ein Blick weg von der Straße – und genau das kann im Zweifel entscheidende Sekunden kosten und erhöht damit unnötig das Sicherheitsrisiko.

Den Anfang dieser irren Touchscreen-Entwicklung machte ausgerechnet ein Hersteller, der lange als Inbegriff von Innovation galt: Tesla. Mit der Verlagerung nahezu aller Funktionen in den zentralen Touchscreen setzte das Unternehmen einen Trend, dem zahlreiche Hersteller folgten. Vor allem viele chinesische Marken übernahmen dieses Bedienkonzept nahezu eins zu eins, inklusive der Reduzierung physischer Schalter auf ein Minimum. Der Grund dafür ist nicht nur modischer Natur, sondern hat auch einen pragmatischen Hintergrund: Jeder mechanische Schalter verursacht Kosten in der Produktion – Software ist dagegen in großen Mengen deutlich günstiger.

Viele Autohersteller argumentieren, dass sich zahlreiche Funktionen schließlich auch ganz einfach per Zuruf bedienen ließen. Ein Trugschluss. In der Praxis reagieren die Systeme oft unzuverlässig. Befehle werden missverstanden, verzögert umgesetzt oder es ertönen frustrierende Ansagen wie „Oh, ich habe Sie nicht verstanden“ oder „Tut mir leid, das kann ich noch nicht“. Im schlimmsten Fall wird der Fahrer sogar komplett ignoriert. Hilfreich ist das nicht. Was als komfortable Alternative gedacht ist, wird so schnell zur zusätzlichen Ablenkung und bestätigt letztlich das Grundproblem, anstatt es zu lösen.

Wir vom Auto-Medienportal.net weisen seit Jahren auf diese Fehlentwicklungen hin. Nicht aus Prinzip oder Technikfeindlichkeit, sondern aus einem einfachen Grund: Die Bedienung im Auto muss intuitiv sein, schnell und möglichst blind funktionieren. Alles andere widerspricht dem Grundgedanken einer sicheren Mobilität. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich diese Sichtweise zunehmend durchsetzt. Der Automobilclub von Deutschland (AvD) benennt das Problem klar und fordert die Rückkehr haptischer Bedienelemente für zentrale Funktionen. Diese Position ist nicht nur nachvollziehbar, sondern auch längst überfällig.

Denn die Realität auf der Straße ist eindeutig. Ein Touchscreen bietet keine fühlbare Orientierung. Jede Eingabe erfordert visuelle Kontrolle. Je mehr Funktionen darin verschwinden, desto länger dauert die Suche. Was im Stand noch akzeptabel sein mag, kann während der Fahrt schnell zu einem hohen Risiko werden. Die Tatsache, dass nun auch Euro NCAP die Bedienbarkeit stärker in die Sicherheitsbewertung einbeziehen will, zeigt, wie ernst die Lage ist. Sicherheit entsteht nämlich nicht nur durch Assistenzsysteme oder Crashtests, sondern beginnt bereits bei der Frage, wie ein Fahrer mit seinem Fahrzeug interagiert.

Die Rückkehr von Tasten, Knöpfen und Drehreglern ist daher kein Rückschritt, sondern ein vernünftiger Schritt. Es geht nicht darum, Displays zu verbannen. Vielmehr geht es darum, sie dort einzusetzen, wo sie sinnvoll sind, und sie dort wegzulassen, wo sie ablenken. Vor diesem Hintergrund bleibt nur ein Appell an alle Hersteller: Beendet den Touchscreen-Irrsinn und kehrt zu einer klaren, einfachen und haptisch erfahrbaren Bedienung zurück – im Sinne der Sicherheit! (cec)


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Unser Autor Guido Borck vorn im Mercedes EQE.

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Photo: Autoren-Union Mobilität/Daimler