Bloß keine Luft im Reifen

Elektroauto-Anteil: 100 Prozent. Von diesem Wert ist man auf den Straßen der Erde noch weit entfernt. Auf dem Mond hingegen ist er längst Realität. Alle bisherigen Mondfahrzeuge wurden elektrisch angetrieben. Zur Wahrheit gehört natürlich auch: Bislang waren erst drei Fahrzeuge auf der Oberfläche des Erdtrabanten unterwegs. Deren Elektroantrieb zudem alternativlos war, denn herkömmliche Verbrennungsmotoren benötigen Sauerstoff, um zu funktionieren. Derzeit wird das vierte Mondfahrzeug in den USA entwickelt. Mit dem Lunar Terrain Vehicle (LTV) „Pegasus“ will die NASA ab 2028 die Mondoberfläche erkunden. Und zwar in deutlich größerem Umfang als bisher.

Gleich drei Konsortien erhielten von der NASA Aufträge zum Bau eines neuen Mondauto-Prototyps. Der wohl interessanteste Versuch ist der des US-Unternehmens Lunar Outpost. Das Vertragsvolumen beläuft sich auf bis zu 220 Millionen US-Dollar – mehr als bei den konkurrierenden Industrieverbünden. Zudem sicherte sich Lunar Outpost die Hilfe von zwei Automobil-Schwergewichten: dem Autokonzern General Motors und dem Reifenhersteller Goodyear. Für beide ist der Mond gewissermaßen bekanntes Terrain, denn GM und Goodyear waren bereits an den Mondfahrzeugen der Apollo-Missionen 15, 16 und 17 ab 1971 beteiligt.

Nun, mehr als 50 Jahre später, plant die NASA die Rückkehr auf den Erdtrabanten. GM entwickelt die Antriebs- und Batterietechnik sowie das Fahrwerk und die Federung des neuen Lunar Terrain Vehicles. Goodyear kümmert sich um spezielle Reifen für die Mondoberfläche.

Die Konstruktion eines Mondautos gilt als maximale Herausforderung für Ingenieure und Entwickler. Beispiel Reifen: Mit Luft gefüllte Gummipneus, wie sie auf den hiesigen Straßen rund um den Globus zum Einsatz kommen, sind auf der Mondoberfläche unbrauchbar. Zu scharfkantig ist das Terrain, zu extrem sind die Temperaturschwankungen, zu groß ist der Druckunterschied zur Erdoberfläche. Schon für das erste Lunar Roving Vehicle, das am 31. Juli 1971 die Premierenfahrt auf dem Mond unternahm, wurden spezielle luftlose Reifen aus Draht entwickelt. Die wiederum wären auf der Erde nicht zu gebrauchen gewesen. Denn unter der Last des Mondrovers – etwa 210 Kilogramm – wären sie auf der Erde zusammengebrochen. Anders auf dem Mond, denn dort beträgt die Schwerkraft nur rund ein Sechstel im Vergleich zur Erdoberfläche.

Das erste Mondfahrzeug war Teil der Apollo-15-Mission. Der Rover, der mit Hilfe eines Faltmechanismus platzsparend in der Mondfähre untergebracht werden konnte, hatte vier E-Motoren – je einen pro Rad. Der Wagen legte insgesamt rund 28 Kilometer auf der Mondoberfläche zurück. Dann war die Energie der beiden Silber-Zink-Batterien aufgebraucht. Wiederaufladbar waren die Stromspeicher nicht, deshalb wurde das Fahrzeug auf der Mondoberfläche zurückgelassen. Die darauffolgenden Apollo-Missionen 16 und 17 kehrten mit jeweils neuen Fahrzeugen auf den Mond zurück – auch die blieben in einer endgültigen Parkposition dort zurück.

2028 – wenn alles nach Plan läuft – soll nun das nächste Fahrzeug auf dem Mond eingesetzt werden. Das neue Lunar Terrain Vehicle soll am Südpol des Mondes für die Erkundung des Planeten genutzt werden – und deutlich länger eingesetzt werden als die bisherigen Mondautos. GM kündigte zuletzt an, die Technologie des Modells könnte bis zu zehn Jahre einsatzfähig bleiben. Unter anderem soll sie Temperaturen von unter minus 200 Grad aushalten und bis zu 14 Tage in völliger Dunkelheit arbeiten können.

Anders als in den 70er-Jahren kommt im neuen Mondfahrzeug Antriebstechnologie zum Einsatz, die auch aus irdischen Autos bekannt ist. GM etwa setzt bei Pegasus auf einen Nickel-Mangan-Kobalt-Akku. Der wird zwar für die Mondmission speziell überarbeitet, entspricht aber dennoch manchen Akkus, die auch in den Elektrofahrzeugen des US-Autokonzerns zum Einsatz kommen, etwa im Elektro-Koloss GMC Hummer.

Auch die Reifentechnologie, die beim Mondmobil eingesetzt werden soll, ist schon auf der Erde im Einsatz. Verschiedene Hersteller experimentieren seit einigen Jahren mit Luftlos-Reifen. Der französische Konzern Michelin etwa stattet seit einigen Jahren Fahrzeuge der französischen Post mit entsprechenden Pneus aus. Die Spezial-Reifen sind insbesondere für autonom fahrende Fahrzeuge interessant. Der Grund: Ein klassischer Platten, der das Auto zum Stehenbleiben zwingt, ist ausgeschlossen. Und tatsächlich soll auch das kommende Mondfahrzeug ohne Astronauten am Steuer fahren können. Vorgesehen ist für das Vehikel sowohl eine Fernsteuerung als auch der Einsatz im autonomen Betrieb.

Auf der Erde dürfte es noch dauern, bis sich autonomes Fahren im Alltag durchsetzt. Auch die vollständige Etablierung der Elektromobilität wird Zeit benötigen. Auf dem Mond hingegen könnte die automobile Realität schon bald autonom, vollelektrisch – und damit buchstäblich außerirdisch – aussehen. (cec)


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Bilder zum Artikel

Mondauto Pegasus von General Motors für die Artemis-Mission 2028.

Mondauto Pegasus von General Motors für die Artemis-Mission 2028.

Photo: GM via Autoren-Union Mobilität


Goodyear testet den Reifen für das Mondauto der Artemis-Mission 2028.

Goodyear testet den Reifen für das Mondauto der Artemis-Mission 2028.

Photo: Goodyear via Autoren-Union Mobilität


Goodyear liefert den Reifen für das Mondauto der Artemis-Mission 2028.

Goodyear liefert den Reifen für das Mondauto der Artemis-Mission 2028.

Photo: Goodyear via Autoren-Union Mobilität


Auch Michelin hat sich mit einem luft- und gummilosen Reifen an der Ausschreibung zur Entwicklung eines Mondrovers für die Artemis-Misision beteiligt.

Auch Michelin hat sich mit einem luft- und gummilosen Reifen an der Ausschreibung zur Entwicklung eines Mondrovers für die Artemis-Misision beteiligt.

Photo: Michelin via Autoren-Union Mobilität


Astronaut Eugene A. Cernan fährt auf dem Mond (1972).

Astronaut Eugene A. Cernan fährt auf dem Mond (1972).

Photo: NASA via Autoren-Union Mobilität