Auf Fritten-Jagd durch Benelux

„Be-ne-lux“, das sagt heute kaum einer mehr. Dabei war der 1960 in Kraft getretene Bündnis-Vertrag der drei Länder Belgien, N(i)ederlande und Luxemburg ein Abkommen, das weit über die Vereinbarungen bei der Gründung der Europäischen Union hinausging. Polizisten aus den Beneluxländern etwa können im Dienst ohne Zustimmung der jeweils anderen deren Staatsgebiet t betreten. Dies geht noch weiter als das Schengener Durchführungsübereinkommen von 1990. Aber was macht die Region aus? Mehr als Käse, Tulpen, Fisch und Fritten?

Wir wollten das mal genauer untersuchen und sind zu einem Road-Trip mit unserem Campervan aufgebrochen. Auch wenn die Kastenwagenferien spontan und flexibel gestaltet werden können, planten dafür wir eine Route. Entlang der Mosel sollte es durch Luxemburg und in die Ardennen gehen, um nach einem Stopp im flandrischen Brügge die belgische und niederländische Küste am Ärmelkanal zu erkunden.

Doch wie so oft ist der Weg das Ziel, und so genießen wir die Fahrt über die Hunsrück-Höhenstraße bis an den wohl schleifenreichsten Fluss Deutschlands. Mit Blick auf die saftig grünen Weinberge und die legendären Steillagen geht es bis nach Wintrich, das nicht nur mit seinem großzügigen Stellplatz in bester Lage lockt.

Das Terrain ist eben und von vielen Bäumen beschattet, liegt fast direkt an der Mosel und ist dennoch frei von Verkehrslärm. Es gibt Duschen und Toiletten, deren Nutzung zusätzlich zur Stellplatzabgabe von 15 Euro für 24 Stunden (nur Kartenzahlung am Automaten) gegen Gebühr möglich ist. Die Aufteilung des Platzes in einen hundefreien Bereich auf der linken Seite und den auf der rechten, wo die Vierbeiner willkommen sind, empfinden viele als Segen.

Als Segen erweist sich auch das in fußläufiger Entfernung gelegene Restaurant Brühler Hof. Stilvoll eingerichtet sind die Gasträume, die Küche setzt auf qualitativ erstklassigen Zutaten, kreative Zusammenstellungen und sorgsame Zubereitung der Speisen. Die Digestif-Auswahl von Destillaten aus eigens produzierten Früchten überzeugt, der Service ist zuvorkommend und kompetent. Auch bei der Wahl der begleitenden Getränke bleiben keine Fragen offen.

Als nächstes Übernachtungsziel visieren wir die Marina in Schengen an. Die Grenze zu Luxemburg wird bei Wasserbillig überquert, Diesel schlagartig um gut 15 Cent billiger. Die Supermärkte entlang der Hauptstraße locken mit einem überwältigenden Sortiment, so dass sich hier dank großzügigem Parkplatzangebot Vorräte für die nächsten Tage bunkern lassen.

Der Yachthafen von Schengen liegt fünf Kilometer moselabwärts vor der Stadt und kostet stolze 25 Euro je Nacht für ein Wohnmobil bis acht Meter Länge und zwei Personen. Dafür gibt es blitzsaubere, moderne Sanitäranlagen und eine mit 16 Ampere abgesicherte pauschale Stromversorgung. Auch zwei Restaurants finden sich auf dem Areal, wir kochen jedoch selbst und besuchen am nächsten Tag das Europa-Museum in Schengen, das die Geschichte des grenzenfreien Europas erzählt. Im Eintrittspreis von fünf Euro ist die Besichtigung des Passagierschiff Prinzessin Marie-Astrid Europa, auf dem am 14. Juli 1985 das Schengener Abkommen von den Vertretern von Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden unterzeichnet wurde.

Nächstes Ziel ist das verträumte belgische Städtchen La Roche en Ardenne, dessen historische Häuser sich eng an die Ufer des mäandernden Fluss Ourthe kuscheln. Mehrere Denkmäler, gerne ausstaffiert mit Panzern der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg weisen auf die Vergangenheit des Kriegsschauplatzes während der Ardennen-Schlacht hin. Berühmt ist der malerische Ort heute jedoch für seinen Ardennen-Schinken. Der Traiteur Baltus im Stadtzentrum ist die erste Adresse dafür.

Der große Campingplatz Floreal etwa drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt verlangt 36 Euro je Nacht inklusive Strom für einen Rasengitterplatz, schade, dass die sanitären Anlagen ihre besten Jahre lange hinter sich haben. Aber endlich lockt eine Frituur mit Neon-Reklame und der typischen Fritierfett-Fahne zum Pommes-Mahl. Und die Jungs und Mädels in diesen kleinen Imbissläden verstehen ihr Handwerk, da müssen wir zu Hause lange suchen, um solch fluffig-knusprige Kartoffelstäbchen zu finden, die auch mit abnehmender Temperatur nicht knatschig und ranzig werden. Das Geheimnis: Belgische Fritten werden traditionell in Rinderfett frittiert, und das zweimal. Dadurch werden sie außen knusprig und bleiben innen cremig.

Wir reisen weiter nach Brügge und erleben, dass es die Passage von Brüssel während der Rushhour unbedingt zu meiden gilt. Baustellen und hohes Verkehrsaufkommen sind eben trotz des Autobahnrings um die Hauptstadt ein unseliges Paar, das eben nur eins kann: den Stau gebären. Dafür ist der Empfang beim empfehlenswerten Camping Memling in Brügge umso erholsamer.

Reserviert per Internet können wir dank Kennzeichenerkennung direkt auf den Platz fahren, 34 bis 43 Euro kostet die Nacht einschließlich Stromversorgung und Kurtaxe. Nicht wenig, wer aber die topmodernen blitzsauberen WC- und Dusch-Einrichtungen erkundet, wird sich schnell damit arrangieren. Zumal die Verbindung mit dem ÖPNV zum Stadtzentrum kaum zehn Gehminuten entfernt liegt und vom Straßenverkehr auf dem direkt an ein Naturschutzgebiet angrenzenden Campingareals nichts zu hören ist.

Auch mit dem Fahrrad können hartgesottene Radler ins Zentrum gelangen, hierfür sollten sie allerdings Nebenstraßen nutzen, da die direkte Route über den vielbefahrenen Malse Steenweg auch im fahrradfreundlichen Belgien eine Herausforderung ist. Wobei es die eigentliche Herausforderung erst am Ziel zu bestehen gilt. Denn alle Straßen im historischen Stadtzentrum sind grob kopfsteingepflastert und der Besucheransturm auf Brügge führt ebenfalls zu ungewollten Fahrtunterbrechungen der Biker. Der Bus ist daher die eindeutig die bessere Lösung für einen Stadtbesuch.

In Zentrum angekommen, liegen alle besuchenswerten Sehenswürdigkeiten in fußläufiger Entfernung. Sehr zu empfehlen ist die Bootsfahrt durch die Kanäle, bei der man die Highlights wie die Liebfrauenkirche oder die Heilig-Blut-Basilika östlich des Marktplatzes Grote Markt vom Wasser aus besichtigen kann. In dieser „Basilica Minor“ wird eine der bedeutendsten Reliquien Europas aufbewahrt, eine Ampulle mit dem Blut Jesus, die der aus Brügge stammende Kreuzritter Dietrich von Elsass für seine tapferen Taten während des zweiten Kreuzzuges in Jerusalem erhalten hatte. Seit 1291 wird sie an Christi Himmelfahrt in einer Prozession durch die Stadt getragen.

Einer der Bootsanleger befindet sich direkt neben dem alten Sint-Jans-Hospital, einen Besuch lohnen natürlich auch die ältesten Stadtbrauerei Brügges „De Halve Maan“, das Diamantmuseum oder das Schokoladenmuseum „Choko Story“. An der süßen Kakaospezialität kommt in Brügge ohnehin keiner vorbei, an fast jeder Ecke duftet es intensiv aus den Ladentüren nach Schokolade.

Das Meer erwartet uns mit trübem Wetter und wenig anheimelnden Ortschaften. Das beliebte Seebad Blankenberge verunzieren viele architektonische Erbsünden, der Platz der Campingpark-Kette Floreal liegt höchst unattraktiv und auch Camping Bonanza kann uns nicht zum Bleiben überreden. Wir fahren ein paar Kilometer ins Land zurück und machen Rast auf dem Stellplatz Zuienkerke, einem liebevoll gestaltetes Areal mit Top-Waschhaus und einem ausgezeichneten Bio-Apfelsaft-Angebot. Die insgesamt 20 Parzellen sind groß und geschottert, kosten 27 Euro all inclusive, Buchung und Zufahrtscode werden elektronisch erledigt. Direkt nebenan warten der Naturschutzpark Polderwind und endlose Radwege, die zwar völlig steigungsfrei, aber meist mit serienmäßigem Gegenwind ausgestattet sind.

Ein Ausflug auf zwei Rädern führt nach Zeebrügge, der moderne Hafen der Provinzhaupstadt, der errichtet wurde, nachdem die Reie, der kanalisierte Fluss, der Brügge mit dem Meer verbunden hatte, versandet war. Emsiger Fährbetrieb herrscht hier, auch Fischer landen ihren Fang an. Charmant wirkt das nicht wirklich, eher nüchtern und industriell.

Wir beschließen, unser Glück jenseits der niederländischen Grenze in Breskens zu versuchen und kommen vor der kleinen Hafenstadt mit ihrem quirligen Ortskern auf dem Riesencamp Strandcamping Groede unter. Der Platz ist voll durchorganisiert mit Kinderbespassung und Strandsegeln, sauber und sicher obendrein. Ein Komfortplatz für unseren Camper kostet knapp 40 Euro je Nacht, das Strandrestaurant Puur verwöhnt nach kurzem Spaziergang durch die Dünen mit einem Panoramablick über das Wattenmeer und einer erlesenen Speisekarte.

Breskens besuchen wir am nächsten Tag mit dem Fahrrad, rund 30 Minuten geht es über den Deich, vorbei an den Pumpwerken, wo das Wasser aus den unter dem Meerespiegel liegenden Arealen im Landesinneren ins Meer geleitet wird. Fisch gibt es im Hafen in allen Variationen. Frisch, geräuchert oder als Matjes eingelegt. Das Restaurant De Dukdalf (die Duckdalbe) verarbeitet die gerade von den Fischern angelandeten Meeresbewohner in der offenen Küche oder verkauft sie im angeschlossenen Fischgeschäft. Im Städtchen selbst gibt es am hübschen Zentralplatz Cafés und Geschäfte, samt gutsortiertem Supermarkt.

Unsere Rückfahrt führt zurück quer durchs Land an der berühmten Rennstrecke Spa Franchorchamps vorbei, deren Besucherparkplätze sich kilometerweit mit eigens angelegten Ausfahrten entlang der Autobahn erstrecken. Der Kurs gehört mit einer Länge von mehr als sieben Kilometern zu den längsten Strecken der Welt, an sechs Terminen im Jahr können sich private Fahrer zur Streckennutzung anmelden. Ganz billig ist der Spaß nicht, 25 Minuten Fahrt kosten 135 Euro, SUV und Geländewagen sind nicht zugelassen und es besteht Helmpflicht.

Wir lassen es gemütlicher angehen und steuern für eine letzte Übernachtung das Städtchen Neuerburg in der westlichen Eifel an. Der von zwei jungen Niederländern geführte Campingplatz „In der Enz“ am gleichnamigen Bach lockt mir schlanken 17 Euro für einen Camperstellplatz und Sanitäranlagen im Spa-Stil. In direkter Nachbarschaft gibt es das Freizeitbad Aqua Fun und eine Gaststätte mit deftiger Küche, in Neuerburg selber neben dem ehemaligen Bahnhof, über dessen Stilllegung 1989 gewiss heute noch alle 1344 Neuerburger weinen, einen ehemaligen Eisenbahntunnel, der jetzt dem Radlerverkehr dient und Teil der Enztal-Fahrradtrasse ist.

Zwölf Tage waren wir unterwegs, 1600 Kilometer liegen hinter uns. 9,8 Liter Diesel hat unser Fiat Ducato Camper im Durchschnitt verbraucht. Die Highlights dieses Road-Trips durch Benelux bleiben unvergessen, aber auch die vielen kleinen und sympathischen Begegnungen mit Einheimischen und anderen Gästen bleiben in der Erinnerung haften. (aum)


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Bilder zum Artikel

Road-Trip durch Benelux: Holzverkleidete Gildehäuser.

Road-Trip durch Benelux: Holzverkleidete Gildehäuser.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Ein Giebel jagt den anderen.

Road-Trip durch Benelux: Ein Giebel jagt den anderen.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Kirchen zu Hauf.

Road-Trip durch Benelux: Kirchen zu Hauf.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Berühmt für den Ardennen-Schinken.

Road-Trip durch Benelux: Berühmt für den Ardennen-Schinken.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Brügge sehen und sterben.

Road-Trip durch Benelux: Brügge sehen und sterben.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Süßes für alle.

Road-Trip durch Benelux: Süßes für alle.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux:  Belgiens Venedig.

Road-Trip durch Benelux: Belgiens Venedig.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Jugendherberge Neuerburg.

Road-Trip durch Benelux: Jugendherberge Neuerburg.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Eisenbahn-Nostalgie in Neuerburg.

Road-Trip durch Benelux: Eisenbahn-Nostalgie in Neuerburg.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Fahrradweg in Neuerburg.

Road-Trip durch Benelux: Fahrradweg in Neuerburg.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Campingpark.

Road-Trip durch Benelux: Campingpark.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Restaurant Puur.

Road-Trip durch Benelux: Restaurant Puur.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Restaurant Puur am Groede Strandcamping.

Road-Trip durch Benelux: Restaurant Puur am Groede Strandcamping.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Endlich Fritten.

Road-Trip durch Benelux: Endlich Fritten.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Stellplatz Marina Schengen.

Road-Trip durch Benelux: Stellplatz Marina Schengen.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Camping Hemeling,

Road-Trip durch Benelux: Camping Hemeling,

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Camping Floreal in Roche.

Road-Trip durch Benelux: Camping Floreal in Roche.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität


Road-Trip durch Benelux: Schokoladenparadis in Brügge.

Road-Trip durch Benelux: Schokoladenparadis in Brügge.

Photo: Michael Kirchberger via Autoren-Union Mobilität