Sehnsuchtsobjekt Cabrio: Vom Aussterben bedroht

VW Golf Cabrio, auch bekannt als „Erdbeerkörbchen“, Mercedes-Benz SL oder Alfa Romeo Spider – Cabrios waren über Jahrzehnte automobile Symbole für Lebensfreude: der Inbegriff für Freiheit und Spaß beim Fahren. Das hat sich dramatisch geändert, denn mittlerweile gibt es kaum noch Oben-ohne-Modelle.

Lässig, cool, entschleunigt – Cabrio fahren ist mit einem ganz bestimmten Lebensgefühl verbunden. Das Spüren des Fahrtwindes in den Haaren, das Prickeln der Sonne auf der Haut, der Duft frisch gemähter Wiesen oder der erfrischende Schatten einer Allee während der Fahrt – all das fühlt sich im Cabrio besonders intensiv an. Zudem standen offene Autos stets auch für Freiheit, Individualismus und eine spezielle Form des Luxus – spartanisch und exklusiv zugleich. Ob an der französischen Riviera, auf kalifornischen Küstenstraßen oder an italienischen Uferpromenaden – die Autos wurden zu Symbolen für Sommer, Urlaub und einen unbeschwerten Lebensstil. Genau dieses Gefühl wollten viele Hersteller für sich nutzen, und nahmen Cabriolets in ihr Angebot auf. Den Höhepunkt des Booms in Deutschland markierte das Jahr 2009 mit rund 103.000 Neuzulassungen in dieser Autoklasse hierzulande.

Die Geschichte des Cabriolets beginnt im Prinzip mit der Erfindung des Automobils. Denn das Auto war von der Kutsche abgeleitet. Ein Dach zählte daher bei vielen Fahrzeugen der Anfangsjahre nicht zur Ausstattung. Auch, weil eine geschlossene Karosserie schlicht teurer war als eine offene. Der Benz-Patent-Motorwagen von 1886 war gewissermaßen ebenso ein Cabrio wie der erste Opel, der Patentmotorwagen „System Lutzmann“ aus dem Jahr 1899. Allerdings verfügte der Opel optional über ein zusammenklappbares Stoffdach. Dennoch blieb das Automobil ins 20. Jahrhundert in den meisten Fällen eine offene Angelegenheit.

Als die Geschwindigkeiten höher wurden und die Einsatzgebiete des Pkw sich ausweiteten, wünschten sich immer mehr Menschen einen Regenschutz beim Autofahren. Limousinen und andere geschlossene Karosserieformen setzten sich allmählich durch. Cabriolets – was sich vom französischen Wort „cabrioler“ ableitet, übersetzt etwa: „Luftsprünge machen“ – entwickelten sich zunehmend zu exklusiven, sportlichen und luxuriösen Modellen. In England etwa entstanden ab 1924 zahlreiche offene Roadster-Modelle von „Morris Garages“, kurz MG. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg erfreuten sich die Fahrzeuge der britischen Marke wachsender Beliebtheit. Zu den erfolgreichsten Modellen dieser Zeit zählen der MGA Roadster (ab 1955) oder der MGB (ab 1962).

Auch die deutschen Hersteller versuchten sich in der Nachkriegszeit an offenen Modellen. VW etwa brachte den Typ 1, besser bekannt als Käfer, bereits ab 1949 als Cabriolet auf den Markt. Bis zur Einstellung der Produktion im Jahr 1980 wurden mehr als 330.000 offene Käfer hergestellt. Kurz zuvor war bereits der Nachfolger präsentiert worden. Denn im Februar 1979 zeigte VW beim Autosalon in Genf das Golf I Cabrio. Der offene Kompaktwagen wurde zum Verkaufshit, schon Generation Nummer eins verkaufte sich mehr als 380.000-mal. Aufgrund des auffälligen Überrollbügels wurde das Auto im Volksmund rasch „Erdbeerkörbchen“ genannt – manchmal spöttisch, oft liebevoll. Die zweite und dritte Generation knüpften an den Erfolg an. 2016 endete nach mehr als 770.000 gebauten Modellen die Golf-Cabrio-Geschichte.

Auch zahlreiche andere Hersteller brachten schicke, offene Modelle auf den Markt. Zu den ikonischsten Typen zählt der BMW 507, der zwischen 1956 und 1959 gebauter Luxus-Roadster, dessen prominentester Fahrer einst Elvis Presley war. Bis heute hergestellt wird der Mercedes SL, ebenfalls ein prestigeträchtiges Cabrio, das bereits seit Mitte der 50er-Jahre als Roadster erhältlich ist und mittlerweile in siebter Generation gefertigt wird. Ab 1966 kam der Alfa Romeo Spider hinzu, eines der letzten von Designer Battista „Pinin“ Farina entworfenen Automodelle. Der Wagen gilt heute als eines der elegantesten offenen Modelle überhaupt. Bekannt wurde das Auto vor allem durch den Film „Die Reifeprüfung“ (1967), in dem Dustin Hoffman, der durch seine Rolle zum gefragten Hollywood-Schauspieler wurde, ausgiebig mit dem Auto unterwegs ist. Bis heute ein Kultmodell ist der Ford Mustang, der seit 1964 auch als Cabriolet angeboten wird. Auch Porsche setzte früh auf offene Varianten des 911 und machte das 911 Cabriolet seit den 80er Jahren zum globalen Statussymbol.

In einer Aufzählung cooler und weltweit bewunderter Roadster darf der Mazda MX-5 nicht fehlen. Das japanische Modell wird seit 1989 gebaut und entfesselte einen regelrechten Cabrio-Hype in der Autoindustrie. Die 90er Jahre waren daher geprägt von zahlreichen Roadster-Neuheiten – insbesondere auch der deutschen Hersteller. BMW etwa stellte 1995 den Zweisitzer Z3 vor, der durch seine Rolle als Dienstwagen von James Bond („Goldeneye“, 1995) internationale Bekanntheit erlangte. Mercedes brachte 1996 den SLK auf den Markt. Porsche erweiterte ebenfalls 1996 sein Portfolio um den Boxster. Und Ende des Jahrzehnts
gesellte sich der Audi-Sportwagen TT in einer Roadster-Variante hinzu.

Auch in den 2000er-Jahren kamen weitere Modelle hinzu. Etwa der Opel GT (2007 bis 2009) oder der elektrische Tesla Roadster (2008 bis 2012). Anschließend jedoch verlor das Cabrio zunehmend an Bedeutung. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr nur noch knapp 34.000 Autos mit Stoff- oder Klappverdeck neu zugelassen. Trends wie der SUV-Boom und die Elektrifizierung bestimmten zunehmend die Pläne der Hersteller. Die Anzahl der angebotenen Oben-ohne-Modelle wurde deutlich zurückgefahren. Das zuletzt beliebteste Cabrio Deutschlands etwa, der offene VW T-Roc, ist ein Auslaufmodell. Die Produktion wird Mitte des nächsten Jahres eingestellt. VW hat dann gar kein Cabrio mehr im Angebot, bei Marken wie Opel, Nissan oder Volvo ist das jetzt schon so.

Dass jedoch auch die automobile Moderne Platz für emotionale Roadster bietet, demonstrierte zuletzt ein chinesischer Hersteller. MG, mittlerweile eine Marke der SAIC-Gruppe aus Shanghai, stellte 2024 den offenen elektrischen Zweisitzer Cyberster vor. Und noch in diesem Jahr plant BYD, der größte E-Autohersteller der Welt, mit der Submarke Denza ebenfalls ein Elektro-Cabrio zu lancieren, den Denza Z. Das Auto soll über drei E-Maschinen und mehr als 1000 PS (736 kW) Leistung verfügen. (cec)


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Bilder zum Artikel

VW T-Roc Cabriolet.

VW T-Roc Cabriolet.

Photo: Autoren-Union Mobilität/Volkswagen


Mazda MX-5.

Mazda MX-5.

Photo: Mazda via Autoren-Union Mobilität


MG Cyberster.

MG Cyberster.

Photo: MG via Autoren-Union Mobilität


Mini John Cooper Works Cabrio.

Mini John Cooper Works Cabrio.

Photo: Autoren-Union Mobilität/BMW


Ford Mustang Convertible (= Cabrio) von 1965.

Ford Mustang Convertible (= Cabrio) von 1965.

Photo: Ford via Autoren-Union Mobilität


Volkswagen Käfer 1302 LS Cabrio (1971).

Volkswagen Käfer 1302 LS Cabrio (1971).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Coys


Karmann Ghia Cabrio (1974).

Karmann Ghia Cabrio (1974).

Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität


VW Golf Cabrio (1988).

VW Golf Cabrio (1988).

Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität


Drei VW-Cabrios von Karmann aus Osnabrück: Käfer, Golf I und Golf III Cabriolet.

Drei VW-Cabrios von Karmann aus Osnabrück: Käfer, Golf I und Golf III Cabriolet.

Photo: Auto-Medienportal.Net/VW


Citroën DS 21 Cabriolet (1966).

Citroën DS 21 Cabriolet (1966).

Photo: Stellantis/William Klein via Autoren-Union Mobilität


Opel Astra F Cabrio (1992).

Opel Astra F Cabrio (1992).

Photo: Auto-Medienportal.Net/Opel


Alfa Romeo Spider 1.6 (1990).

Alfa Romeo Spider 1.6 (1990).

Photo: Auto-Medienportal.Net/FCA


Mercedes-Benz SLK (ab 1996).

Mercedes-Benz SLK (ab 1996).

Photo: Mercedes-Benz via Autoren-Union Mobilität


Fiat Punto Cabrio (2000).

Fiat Punto Cabrio (2000).

Photo: Autoren-Union Mobilität/Fiat


Porsche 911 Turbo S Cabriolet.

Porsche 911 Turbo S Cabriolet.

Photo: Porsche via Autoren-Union Mobilität