Hintergrund: Vom chinesischen Wirkungsgrad

„Ich sehe einen unbändigen Willen Chinas, den europäischen Markt nicht nur mit Elektroautos, sondern auch mit modernen Verbrennungsmotoren zu erobern – bei Pkw und Lkw“, sagte uns Motorenexperte Prof. Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im August 2023 im Interview. Ist der Punkt jetzt erreicht? Bis zum 3. Mai präsentiert der chinesischer Hersteller Geely bei der Automobilausstellung in Peking einen neuen Antriebsstrang mit einem Wirkungsgrad von fast 50 Prozent. Kochs Mahnung („Wir werden schlicht veraltete Technologie anbieten“) nähert sich der Realität, während deutsche Entwickler sich mit voller Kraft ums Elektroauto kümmern müssen.

Ein halbes Jahr vor den Aussagen des anerkannten Motorenexperten Koch hatte Europa 2023 Industriepolitik zugunsten der Umwelt einsetzen wollen und das Verbot für Verbrennungsmotoren per Gesetz verordnet. Für dieses Jahr war dessen Evaluation angekündigt worden. Das ist die aktuelle Lage: Die Welt kauft Verbrenner. Im globalen Autobestand fahren nur drei von 100 Automobilen elektrisch. Vor diesem Hintergrund „pfeift China auf technische Planwirtschaft: Am Verbrenner wird fleißig weiterentwickelt“, berichtet „Fokus online“ jetzt aus China. Mit 48,4 Prozent Wirkungsgrad habe Geely nun einen neuen Weltrekord erreicht.

Geely ist mit fast zehn Prozent größter Einzelaktionär der Mercedes-Benz AG, Herr bei Volvo, Polestar, Lotus, LEVC und beteiligt an Aston Martin und Joint-Venture-Partner bei Smart. Das chinesische Privatunternehmen mit offensichtlich großen europäischen Ambitionen teilt mit, der Rekord werde unter anderem durch ein KI-basiertes Regelkonzept zur hochpräzisen Steuerung des Energieflusses erreicht. Ohne Software und Chips läuft auch bei diesem Antrieb nichts.

Als erster Personenwagen soll der Geely Emgrand bald mit dem effizientesten Hybridantrieb der Welt fahren, sagt der chinesische Autokonzern und spricht von einem Praxisverbrauch von 2,2 Litern auf 100 Kilometern. Bei einem thermischen Wirkungsgrad von 48,4 Prozent bedeutet das, fast die Hälfte der eingesetzten Energie wird direkt in Vortrieb umgewandelt. Alte Verbenner brachten es auf rund 25 Prozent und wenig mehr; die besten aktuellen Antriebe – bezeichnenderweise aus Fernost von Nissan und Toyota – bringen es auf 42 Prozent.

Zunächst nahm den deutschen Automobilherstellern ein berühmter Einkaufschef den Vorsprung bei der Batterietechnologie. Dann erzwang Brüssel mit dem Verbrennerverbot die Konzentration der Entwicklungskapazität auf das Elektroauto. Der Kampf um die Kerntechnologie Batterie scheint verloren. Den Vorsprung der asiatischen Hersteller beim Elektroantrieb beginnen wir aufzuholen.

Beim Verbrenner werden wir gerade abgehängt und verlieren damit unsere nur scheinbar uneinholbare Stellung beim Verbrennungsmotor. Doch der wird noch mit weitem Abstand und für lange Zeit die Märkte dominieren. Vor dem Benziner- und Diesel-Verbot war es Strategie der großen Hersteller in Deutschland, mit dem Verbrenner das Geld für den Fortschritt zu verdienen. Daimlers damaliger Vorstandschef Dieter Zetsche brachte es bei einem Hintergrundgespräch in Genf auf den Punkt. Als sein Entwicklungsvorstand vom Stand der Wasserstofftechnik berichtete, unterbrach ihn sein Chef mit der Bemerkung: „Dazu haben wir keine Zeit.“

In Peking lernen wir nicht nur am Beispiel von Geely: Verbrennerverbot und übertriebene Abgasregeln haben allen Elektro-Alternativen die „Luft“ abgewürgt. Doch es sieht nicht so aus, als hätte unsere Automobilindustrie den Wettkampf der Systeme schon verloren gegeben. Werden wir es denen zeigen – zur IAA im kommenden Jahr oder schon früher bei der nächsten „Auto China“? Ansätze sieht man heute schon in Peking. (cec)


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Peter Schwerdtmann.

Peter Schwerdtmann.

Photo: Auto-Medienportal.Net