Interview Paolo Pompei: „Der Winterreifen ist nicht tot“
25. März 2026 Von Martin Wittler
Herr Pompei, Sie sind gebürtiger Italiener. Wir sprechen nun nördlich des Polarkreises miteinander. Vermissen Sie hier bei Nokian in Finnland manchmal die Wärme Italiens?
„Natürlich freue ich mich auf einen schönen, sonnigen Urlaub in Italien, das muss ich schon sagen. Aber ich finde Finnland großartig. Ein spannendes, schönes Land mit echt tollen Menschen. Finnland wurde gerade zum neunten Mal in Folge zum glücklichsten Land der Welt gewählt. Es hätte mich also schlechter treffen können.“
Sie sind 2025 von Yokohama zu Nokian Tyres gekommen. Ihr Auftrag ist es, die Rolle von Nokian Tyres auf dem Markt in Mitteleuropa zu stärken. Damit soll das Wegbrechen des für Nokian Tyres ehemals wichtigen russischen Reifenmarkts kompensiert werden und können Sie schon erste Erfolge verzeichnen?
„Wir haben zunächst einmal die Infrastruktur aufgebaut, die wir brauchen, um den mitteleuropäischen Markt zu bedienen. Das ist elementar, um die richtigen Produkte zur richtigen Zeit liefern zu können. 2021 wurden immerhin noch 80 Prozent unserer Reifen in Russland hergestellt, und ein großer Teil auch dort verkauft.“
Als neue, große Produktionsstätte speziell für Mitteleuropa wurde ein Werk im rumänischen Oradea errichtet. Das ist nun seit einem Jahr in Betrieb, richtig?
„So ist es, und bereits Ende 2025 haben wir dort die Marke von mehr als einer Million produzierter Reifen überschritten. Ein Meilenstein für uns. Nokian Tyres ist inmitten der Transformation: Wir haben drei neue Reifenmodelle in weniger als zwölf Monaten auf den Markt gebracht: einen Sommer-, einen Ganzjahres- und zuletzt mit dem Snowproof 3P einen neuen Winterreifen. Offenbar kommt das an. In Mitteleuropa verzeichnen wir aktuell das größte Wachstum.“
Welche Rolle spielt Deutschland für Nokian Tyres?
„Deutschland ist der größte Reifenmarkt Europas. Entsprechend ist Deutschland auch für uns natürlich ein enorm wichtiger Markt. Ganzjahresreifen spielen dort schon seit längerem eine wachsende Rolle. Das ist natürlich auch etwas, das wir bei Nokian Tyres ganz genau beobachtet haben. Mit unserem neuen Ganzjahresreifen, dem Seasonproof 2, hoffen wir daher in Deutschland Marktanteile zu gewinnen.“
Wie wollen Sie neue Zielgruppen erschließen?
„Zum Beispiel durch Kooperationen. Für unseren neuen Winterreifen Snowproof 3P haben wir Kimi Räikkönen, den ehemaligen Formel-1-Weltmeister, als Testfahrer und Werbebotschafter gewonnen. Zudem sind wir dieses und nächstes Jahr offizieller Sponsor der Eishockey-Weltmeisterschaften in der Schweiz und in Deutschland. Dazu haben wir allein in diesem Monat mehr als 500 Kunden nach Ivalo eingeladen, um Nokian Tyres bekannter zu machen und um zu zeigen, über welches Knowhow wir hier verfügen.“
Sie haben den Trend zu Ganzjahresreifen bereits angesprochen. Wie sinnvoll ist es, dennoch auch einen neuen Winterreifen zu entwickeln?
„Seit ich in der Reifenbranche arbeite, also seit Ende der Neunzigerjahre, verzeichnen Winterreifen jedes Jahr ein Marktwachstum um etwa zwei Prozent. Der Winterreifen ist nicht tot. Ganz im Gegenteil. Die Nachfrage nimmt zu. Der Ganzjahresreifen gewinnt seine Anteile nicht vom Winter-, sondern vom Sommerreifen.“
Als weiterer wichtiger Zukunftsmarkt wurde bei Ihrem Amtsantritt Anfang 2025 der nordamerikanische Markt ausgemacht. Ein schwieriger Markt? Stichwort: Trump, Zölle.
„Unser Vorteil ist: Nokian Tyres hat eine Produktionsstätte in den USA, nämlich in Dayton im US-Staat Tennessee. Das schützt uns vor den Zoll-Restriktionen der Trump-Regierung. Und es bestärkt uns gleichzeitig auch in unserer Strategie: Dass es lokale Fertigungsstätten braucht, um den globalen Herausforderungen trotzen zu können.“
Wenn es nicht US-Präsident Trump ist: Was sind Ihrer Meinung nach gerade die größten Herausforderungen der Branche?
„Die Herausforderung ist es, den Wert eines Premiumprodukts herauszustellen. Die Kunden sind umgeben von billigen und verlockenden Angeboten. Ihnen müssen wir klarmachen, dass ein Premiumreifen nicht nur sicherer ist, sondern auch performanter und langlebiger.“
Immer relevanter wird zudem die Nachhaltigkeit von Reifen. Wie beeinflusst das die Entwicklungen bei Nokian Tyres?
„Eines ist klar: Verbraucher werden nicht mehr bezahlen, nur um einen nachhaltigeren Reifen zu fahren. Wenn die Kosten allerdings gleich sind, entscheiden sich Verbraucherinnen und Verbraucher für die nachhaltigere Option. Das ist also die wichtigste Aufgabe unserer Entwickler: Einen Reifen zu fertigen, der zu möglichst hohen Anteilen – eines Tages vielleicht sogar zu 100 Prozent – aus wiederverwerteten oder nachhaltigen Materialien hergestellt wird, ohne dabei die Kosten ansteigen zu lassen. Nokian Tyres will beim Thema Nachhaltigkeit vorangehen. Unser neuer Winterreifen, der Snowproof 3P, ist aus bis zu 40 Prozent nachhaltigen und recycelten Materialien hergestellt. Produziert wird er zudem in Oradea, der ersten CO2-emmisionsfreien Reifenfabrik der Welt.“
Ein weiteres Thema, das neben der Nachhaltigkeit in aller Munde ist, ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz. Wie wichtig ist KI mittlerweile für die Reifenbranche?
„Die Bedeutung von KI nimmt zu. Insbesondere bei der Zusammensetzung der Reifenmischung setzen wir bei Nokian Tyres schon jetzt auf KI-Werkzeuge. Die Daten, die wir beispielsweise hier in Ivalo sammeln und in der Vergangenheit bereits gesammelt haben, können wir so einfacher auswerten und unser Produkt entsprechend anpassen.“
Sie sprechen das Reifentestzentrum „White Hell“ an. Was kann ein echtes Testzentrum, was Simulationen nicht können?
„Hier kann das Unvorhersehbare erlebt werden. Wir leben nun mal nicht in einer perfekten Welt. Hier in Ivalo gibt es Temperaturschwankungen von bis zu 40 Grad innerhalb weniger Stunden. Es gibt mal Schneestürme, aber mal auch warme Tage, an denen es plötzlich zu tauen beginnt. All die Unvorhersehbarkeiten, bei denen wir hier testen, kann eine KI nicht simulieren.“ (cec)
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Nokian-Vorstandsvorsitzender Paolo Pompei.
Photo: Nokian via Autoren-Union Mobilität
Nokian-Vorstandsvorsitzender Paolo Pompei.
Photo: Nokian via Autoren-Union Mobilität
Das Test- und Entwicklungszentrum von Nokian im nordfinnischen Ivalo.
Photo: Nokian via Autoren-Union Mobilität
Nokian-Vorstandsvorsitzender Paolo Pompei.
Photo: Nokian via Autoren-Union Mobilität
Nokian-Vorstandsvorsitzender Paolo Pompei.
Photo: Nokian via Autoren-Union Mobilität