Wortklauberei (63): Blau wie …?

Hannover – Wiege der Deutschen Umwelthilfe, Schauplatz des Urteils, das aus der Feinstaubplakette eine gegen Kohlenstoffdioxid (CO₂) machte, Großstadt mit dem einstigen Plan, den Autoverkehr am liebsten ganz vor den Toren zu parken. Hannover also. Die Landeshauptstadt mit dem grünen Oberbürgermeister Belit Onay, den keiner gewählt haben will. Diese Stadt hat nun ein Umweltproblem. Noch nicht heute. Aber bald. Vielleicht.

Und wie begegnet man in Hannover solchen Zukunftsproblemen? Mit einem bewährten Instrument aus der kommunalpolitischen Werkzeugkiste: einer neuen Plakette für Autos, die noch hinein dürfen. Alle anderen bleiben draußen, ganz nach dem vielfach erprobten Grundsatz mancher Kommunen: Stadtratsbeschluss schlägt Bundesrecht.

Der Haken an der Sache: Hannover erfüllt derzeit alle EU-Grenzwerte für Feinstaub und CO₂. Doch Brüssel denkt bekanntlich voraus – und halbiert ab 2030 die Grenzwerte. Statt 40 Milligramm pro Kubikmeter Luft dürfen dann nur noch 20 Milligramm CO₂ gemessen werden. Auch beim Feinstaub werden die Daumenschrauben angezogen.

Das Kuriose: Nach heutigem Stand wird Hannover selbst dann kaum Probleme mit Feinstaub haben. Beim CO₂ allerdings könnte es enger werden. Und damit rücken die üblichen Verdächtigen wieder ins Scheinwerferlicht: private Autos, Lieferwagen, Handwerkerfahrzeuge – kurz gesagt alles, was sich auf vier Rädern durch die Stadt bewegt und nicht elektrisch summt.

Der Transportsektor verursacht in Europa insgesamt rund 20 Prozent der Treibhausgasemissionen – Straße, Schiene, Luft und See zusammen. Davon gehen etwa 70 Prozent auf das Konto des Straßenverkehrs, wie die Europäische Umweltagentur weiß. Der Rest verteilt sich auf Heizung, Industrie und Energieerzeugung. Doch weil sich Autos nun einmal in Städten ballen, entstehen dort naturgemäß höhere Werte als im europäischen Durchschnitt.

Den Autofahrer als Hauptschuldigen zu präsentieren, gehört deshalb in manchen Kreisen zum guten Ton. Hannover erwägt nun, künftig nur noch Diesel in die Stadt zu lassen, die der Euro-6-Norm entsprechen. Das betrifft Fahrzeuge ab Baujahr 2014 – sie wären im Jahr 2030 also immerhin schon 16 Jahre alt. Viele deutlich ältere Autos dürften dann ohnehin längst das Zeitliche gesegnet haben oder exportiert sein, um im Ausland zu emittieren.

Auch Benziner hätten wenig zu befürchten: Reingelassen werden sollen Fahrzeuge ab Euro 3. Diese Norm gilt seit 2001. Entsprechend stehen viele dieser Modelle ohnehin kurz vor der Ummeldung zum Oldtimer – falls sie nicht bereits liebevoll poliert in Sammlergaragen stehen oder vor sich hin oxidieren.

Die Verwaltung muss dem Rat der Stadt ein Konzept vorlegen, wie Hannover seine Luftqualität künftig an die strengeren EU-Vorgaben anpasst. Stand heute deutet einiges darauf hin, dass aus der niedersächsischen Landeshauptstadt vor allem eines kommen wird: ein weiteres Kapitel Symbolpolitik gegenüber dem Individualverkehr.

Bleibt für den verwunderten Beobachter die Frage: Wenn ein grüner Oberbürgermeister schon eine neue Umweltplakette einführt – warum wählt er dafür eigentlich die Farbe Blau? Das wirkt, nun ja, etwas missweisend. (cec)


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Peter Schwerdtmann.

Peter Schwerdtmann.

Photo: Auto-Medienportal.Net