Klangstarker Amerikaner: Der elektrische Dodge Charger

Es ist noch gar nicht so lange her, da sah die Zukunft in den USA elektrisch aus. Die Politik wollte den Kunden vorschreiben, welche Antriebe sie zu kaufen haben, und die Verbrauchsvorschriften zogen derart an, dass an Elektroautos nichts vorbeizuführen schien. Eines der faszinierendsten darunter ist der Dodge Charger, den wir jetzt in Nordamerika ausgiebig fahren konnten. Er wird übrigens auch als Verbrenner kommen.

Es war keine leichte Aufgabe, die Baureihe neu zu erfinden: Die Vorgängermodelle Charger und Challenger waren bis zuletzt ungemein beliebt. Der viertürige Charger lief mehr als 20 Jahre lang vom Band und erfuhr dabei zwei Facelifts, der zweitürige Challenger blieb über 18 Jahre hinweg sogar fast unverändert. Gerade der Zweitürer genießt Kultstatus, gilt als echtes Muscle-Car und direkter Konkurrent des Ford Mustang.

Vielleicht bleibt ja die neue Baureihe genauso lange auf dem Markt. Denn beim Design haben die Amerikaner einen großen Wurf hingelegt. Die muskulöse und elegante Stufenheck-Karosserie verfügt jetzt über eine Heckklappe, Front und Heck sind stilistisch aneinander angeglichen, die Modellbezeichnung Challenger ist deshalb weggefallen. Jetzt gibt es also einen drei- und einen fünftürigen Charger, 525 Zentimeter lang, 203 Zentimeter breit und 150 Zentimeter hoch. Damit ist er ungefähr so groß wie eine S-Klasse von Mercedes-Benz.

Bei seinem Debüt wartete Dodge mit einer Überraschung auf – und teilte mit, dass es den Charger auch mit Verbrennungsmotoren geben wird. Der turboaufgeladene Reihen-Sechszylinder der Hurricane-Serie soll bis zu 558 PS (410 kW) auf die Straße bringen. Inzwischen hat Dodge sogar nachgelegt: Auch der legendäre Hemi-V8 kommt zurück.

Wir haben uns vor allem, mit der viertürigen Elektroversion beschäftigt, die auf die etwas sperrige Modellbezeichnung Charger Daytona Scat Pack Plus hört. Optisch unterscheidet sie sich von den klassisch angetriebenen Varianten durch eine tiefere, luftdurchströmte Fronthaube, unter der sich ein kleiner Kofferraum verbirgt. Und natürlich fehlen die Endrohre am Heck.

Beim Einstieg fällt der Blick auf eine moderne, horizontal betonte Armaturentafel, leicht zum Fahrer angewinkelt und mit zwei Bildschirmen bestückt, deren Dimensionen sich erfreulicherweise in vernünftigen Grenzen halten. Die Tür fällt satt ins Schloss, die Bedienelemente wirken stabil, der Sprung vom betagten Vorgängermodell ist deutlich spürbar. Per Knopfdruck wird der elektrische Charger bellend zum Leben erweckt, auf der Mittelkonsole sitzt ein futuristischer Wählhebel.

Der künstlich erzeugte Klang – Dodge nennt das ausgeklügelte Lautsprechersystem „Fratzonic“ – zählt zu den herausragenden Features des elektrischen Charger. Dabei wird der klassische Achtzylinder-Klang nicht nur simuliert, sondern geradezu übersteigert, und auch die Außenwelt hat etwas davon: Die Ingenieure brüsten sich mit einem Geräuschpegel von bis zu 126 dB – genauso viel wie beim Vorgängermodell in der brutalen Hellcat-Spezifikation. Nicht für jeden ist das Musik in den Ohren, und deshalb lässt sich das Klanggewitter in mehreren Stufen reduzieren oder auch ganz abschalten. Wir finden die Funktion gut: Außer Hyundai mit seinen N-Modellen hat es eigentlich noch kein Hersteller hinbekommen, die E-Mobilität so emotional auszugestalten.

Auf der Straße geht es jedenfalls genauso zur Sache, wie es die Akustik erwarten lässt. Immerhin liefert der Allradler stolze 850 Newtonmeter Drehmoment und 470 kW (639 PS) Leistung, mit Overboost sind es sogar 499 kW (679 PS). Für den Spurt von 0 auf 100 km/h haben wir ganze 3,5 Sekunden gemessen, abgeregelt wird nach Auskunft des Herstellers bei 217 km/h. Die gut gewichtete Lenkung und das straffe, bei unserem Testwagen adaptive Fahrwerk sorgen für gute Straßenlage und ordentlichen Komfort. Auf die Straße kommt die Kraft über Serie-35-Breitreifen - 305er vorn, 325er hinten -, die auf 20-Zoll-Felgen aufgezogen sind.

Und auch das ist komfortrelevant: Akustik und Qualitätsniveau liegt spürbar oberhalb der Vorgängergeneration, Leder und Mikrofaser sorgen für sportlich-gehobenes Ambiente. Platz ist vorn und hinten reichlich vorhanden, bei den Dimensionen des Fahrzeugs auch kein Wunder.

Kleiner Wermutstropfen: Der 101-kWh-Akku leert sich bei engagierter Fahrweise schneller, als einem lieb ist, realistisch sind gerade einmal 250 bis 350 Kilometer Reichweite. Das reicht für ein paar Cars-and-Coffee-Treffen, ist aber für ausgedehnte Road Trips viel zu wenig. Unser Testwagen schleppt halt viel Gewicht herum: Mehr als 2,6 Tonnen bringt die vermeintlich umweltfreundlichere E-Version auf die Waage, das ist rund eine halbe Tonne mehr als die Schwesterversion mit ihrem nicht gerade bescheiden dimensionierten Reihen-Sechszylinder samt Nebenaggregaten und Acht-Stufen-Wandlerautomat.

Amerika, du hast es besser: Gerade einmal umgerechnet 52.500 Euro stehen für den viertürigen Elektro-Boliden in der Preisliste, unser sehr komplett ausgestatteter Testwagen kommt auf rund 66.500 Euro. Ein Charger mit klassischer Sechszylinder-Maschine ist übrigens schon für rund 45.000 Euro zu haben. In der Realität des Handels sieht es umgekehrt aus: Für den Verbrenner werden Wartelisten geführt, während Dodge bis zu 20.000 Dollar (über 16.000 Euro) Rabatt gewähren muss, um die Elektrovariante an den Kunden zu bringen. Das liegt beim Charger nicht an der spezifischen Umsetzung, sondern an den grundsätzlichen Schwächen der in den USA zunehmend unbeliebten E-Mobilität.

Der Dodge Charger, dies hat uns Markenchef Tim Kuniskis jüngst bestätigt, könnte auch nach Europa kommen – und zwar in allen Varianten. Einen Zeitpunkt für den Markstart gibt es allerdings noch nicht. (aum/jm)


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Bilder zum Artikel

Dodge Charger mit Elektro-Antrieb.

Dodge Charger mit Elektro-Antrieb.

Photo: Stellantis via Autoren-Union Mobilität


Dodge Charger mit Elektro-Antrieb.

Dodge Charger mit Elektro-Antrieb.

Photo: Stellantis via Autoren-Union Mobilität


Dodge Charger.

Dodge Charger.

Photo: Jens Meiners via Autoren-Union Mobilität


Dodge Charger.

Dodge Charger.

Photo: Jens Meiners via Autoren-Union Mobilität


Dodge Charger mit Elektro-Antrieb.

Dodge Charger mit Elektro-Antrieb.

Photo: Stellantis via Autoren-Union Mobilität


Dodge Charger.

Dodge Charger.

Photo: Jens Meiners via Autoren-Union Mobilität


Dodge Charger mit Elektro-Antrieb.

Dodge Charger mit Elektro-Antrieb.

Photo: Stellantis via Autoren-Union Mobilität


Dodge Charger Daytona.

Dodge Charger Daytona.

Photo: Autoren-Union Mobilität/Stellantis