Interview Reiner Brendicke: „Wir sind für 2026 durchaus optimistisch“

Der Industrieverband Motorrad vertritt die Belange der Motorradhersteller, -importeure und Zubehöranbieter auf dem deutschen Markt. Es ist 2024 nach Italien der zweitgrößte in Europa gewesen. 2025 war für die Branche ein eher schlechtes Jahr. Die Neuzulassungen von Motorrädern und -rollern sind hierzulande 35,6 Prozent hinter dem Vorjahresniveau zurückgeblieben. Das sind rein nummerisch über 87.900 Fahrzeuge weniger als 2024. Jens Riedel von der Autoren-Union Mobilität sprach mit IVM-Hauptgeschäftsführer Reiner Brendicke über die aktuelle Situation.

Herr Brendicke, der deutliche Rückgang auf dem Motorradmarkt im vergangenen Jahr lässt sich allein mit den Vorzieheffekten Ende 2024 im Rahmen der Euro5+-Umstellung wohl nicht mehr erklären. Oder doch?

„Sowohl die extrem hohen Zulassungszahlen aus dem zweiten Halbjahr 2024 als auch der damit verbundene deutliche Rückgang im Jahr 2025 stehen im direkten Zusammenhang mit dem Übergang der Standards Euro-5 zu Euro-5+. Die Fahrzeuganzahl zum Abbau der Lagerbestände sind in der EU leider stark limitiert, so dass es zwangsweise Ende 2024 noch zu einer hohen Zahl an Tages- und Kurzzeitzulassungen gekommen ist. Rein formell waren diese Fahrzeuge im Jahr 2025 für die Kunden dann Gebrauchtfahrzeuge und wurden bei der Zulassung auch so gezählt. Das verzerrt natürlich die Statistiken. Das Nachfolgejahr eines solchen Übergangs war aber auch schon in der Vergangenheit oft ein kompliziertes Jahr für Industrie und Handel. Hinzu kamen diesmal noch die allgemeine Verunsicherung der Verbraucher durch die wirtschaftliche Lage in Deutschland und die recht schwierige Situation eines großen Marktteilnehmers. Alles zusammen hat dann die Grundtendenz zum erwartbaren Rückgang der Zulassungszahlen etwas verstärkt.“

Wo sehen Sie für dieses Jahr Wachstumspotenzial?

„Das motorisierte Zweirad hat immer Potenzial, sowohl als günstige Mobilitätsalternative als auch als emotionales Freizeitvergnügen. Leidenschaft hat stets Konjunktur. Darüber hinaus gab es nie eine größere Auswahl an Fahrzeugklassen und Preiskategorien. Auch die guten Entwicklungen der Führerscheinzahlen geben Anlass für weitere Zuversicht. Das Potenzial für Wachstum ist somit über alle Klassen vorhanden. Manche Krisen wie die Corona-Pandemie hat das Motorrad gut gemeistert, bei anderen wie der Banken- und Finanzkrise haben wir mitgelitten, wobei sich der Markt aber schnell wieder erholt hat. Natürlich können wir die allgemeine Konsumstimmung sowie die wirtschaftliche Gesamtlage nicht einfach ignorieren, aber wir sind für 2026 durchaus optimistisch.“

In Deutschland gilt Motorrad fahren überwiegend als Hobby. In Asien und auch in einigen südeuropäischen Metropolen würde der Verkehr zur Rushhour ohne die Massen an motorisierten Zweirädern hingegen wohl zum Erliegen kommen. Welche konkreten Forderungen hat der Verband an die Politik, um Krafträder zumindest in den wärmeren Monaten für den täglichen Gebrauch auch in Deutschland als Mobilitätslösung mit geringem Platzbedarf und sparsameren Verbrauch attraktiver zu machen?

„Wir fordern von der Politik die Einbeziehung des motorisierten Zweirades in alle zukünftigen Mobilitätskonzepte. Insbesondere plädieren wir für die Beibehaltung des in der Bevölkerung sehr beliebten B196, der bei 300.000 Menschen für eine günstige Erweiterung der Mobilität gesorgt hat. Der Bedarf für alternative Möglichkeiten der individuellen Mobilitätsgestaltung ist offensichtlich vorhanden.“

Apropos B196, wie steht der IVM konkret zur dieser Führerscheinerweiterung, die ja vor wenigen Wochen von der Deutschen Verkehrswacht wegen vermeintlich hoher Unfallzahlen massiv kritisiert wurde?

„Unsere Analysen der Unfallzahlen und die Auswertungen des Statistischen Bundesamtes widersprechen grundlegend der Aussage der Verkehrswacht. Damit keine Missverständnisse entstehen, Verkehrssicherheit ist uns sehr wichtig, und der IVM sowie unsere Mitglieder sind in diesem Sinne auf den unterschiedlichsten Feldern hoch engagiert. Einschränkungen und gar Verbote der individuellen Mobilität können aber nicht die Lösung sein. Unsere Haltung hierzu ist klar: Mobilität fördern – nicht verhindern!

Gerade diskutieren wir bundesweit über die hohen Führerscheinkosten, da kommen Rufe nach zusätzlichen Anforderungen wie Prüfungen oder weitere Pflichtstunden für den B196 zur Unzeit. Wir lehnen diese Forderungen kategorisch ab. Das Fahrerlaubnissystem in Deutschland ist heute schon extrem komplex und teuer. Wir sollten diese einfache und beliebte Möglichkeit zur Mobilitätsgestaltung uneingeschränkt beibehalten. Darüber hinaus gibt es den Einschluss von Leichtkrafträdern in den Pkw-Führerschein in der Mehrzahl der europäischen Staaten. Nach unserem Kenntnisstand gibt es nirgendwo eine Diskussion über die Abschaffung dieser sinnvollen Mobilitätserweiterung. Deshalb werden wir uns intensiv für die Fortführung der aktuellen B196-Regelung einsetzen.“

Welche Rolle spielt in der Verbandsarbeit das Thema Elektromobilität? Die Zulassungen steigen entgegen dem allgemeinen Markttrend ja stetig, aber eben auf sehr niedrigem Niveau. Das gilt insbesondere für das klassische Motorradsegment.

„Die Elektromobilität kämpft aus unserer Sicht zurzeit noch mit dem Thema Reichweite und Akzeptanz. Die Skepsis gegenüber der zweirädrigen Elektromobilität scheint nach wie vorhanden zu sein, wobei sicher viele Bedenken vor allem auf Unsicherheit und fehlender Vertrautheit beruhen dürften. Wir sehen auch, dass sich die Elektrifizierung im urbanen Bereich besser und schneller entwickelt als beim großen Motorrad im Freizeitbereich oder im Reisesektor. Im normalen Pendelalltag hingegen scheint die Elektromobilität überwiegend zu funktionieren und fördert damit natürlich auch die Ausweitung der Nutzung. Die Anzahl der Fahrzeugmodelle mit Elektroantrieb wächst stetig weiter. Wir sind noch in der sehr spannenden Phase des Einstiegs in die zweirädrige Elektromobilität. Interessant wird auch die Entwicklung der Akzeptanz in den verschiedenen Altersklassen bzw. Generationen sein. Es ist durchaus vorstellbar, dass der junge Motorradnachwuchs eine völlig andere Einstellung zum Elektromotor hat als beispielsweise die Boomer, bei denen noch Vorbehalte erkennbar sind. Die zunehmende Praxiserfahrung im Betrieb von Elektrofahrzeugen wird aber sicher Vorurteile noch aus der Welt schaffen.

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur schreitet erfreulicherweise voran. Das Laden bzw. das Bezahlen darf aber gerne noch einfacher werden. Wenn Laden so leicht wird wie Tanken, dürfte das sicher der Elektromobilität einen weiteren Auftrieb bescheren.“ (aum)


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Reiner Brendicke.

Reiner Brendicke.

Photo: Autoren-Union Mobilität