Mit dem Hyundai Ioniq 6 unterwegs im elektromobilen Abenteuerland
2. Dezember 2025 Von Frank Wald
Womöglich wäre eine kürzere Strecke sogar reisefreudiger gewesen. Denn bei herbstlich-winterlichen Temperaturen und im Dauerregen durch die nur spärlich mit Schnellladern bestückten Landschaften Osteuropas zu stromern, ist nicht wirklich eine Werbeveranstaltung für die Elektromobilität. So erforderten der verstärkte Einsatz von Heizung und Klimaanlage ebenso wie die weißen Flecken in der Lade-App eine sorgfältige Strategie inklusive Plan B, falls die Reichweite doch schneller sinkt oder Ladesäulen defekt oder belegt sind. Oben drauf noch ein Schuss Risikobereitschaft bei der Restreichweite, denn ein wenig Abenteuer gehört bei der Elektromobilität auch heute immer noch dazu.
Was nicht am Hyundai Ioniq 6 liegt. Die auffällig designte Limousine strahlt Selbstvertrauen aus jeder Pixel-Pore. Auf 4,93 Meter duckt sich die coupéhafte Bogensilhouette nun sieben Zentimeter länger. Mit neuer Haifisch-Front inklusive schmaler Pixel-Lichtsignatur und variablen Lüftungsklappen sowie dem aufgeräumten Heckabschluss mit nur noch einem markanten Spoiler wirkt der Wagen, als hätten die Designer einmal tief die Windkanal-Aufzeichnungen durchforstet und dort alles herausgeholt, was den Luftstrom milde stimmt. So muss sich der Ioniq 6 aerodynamisch mit einem cW-Wert von 0,21 nur noch dem Mercedes EQS und Lucid Air geschlagen geben.
Doch schönes Strömen allein trägt noch nicht durch Europa. Unser Testwagen, in der Allradversion mit 239 kW (325 PS), 84-kWh-Batterie (vorher 73 kWh) und im besten Fall bis zu 618 Kilometer elektrische Reichweite, soll beweisen, dass auch ein eleganter Langstreckenflitzer mit Effizienz-Genen tatsächlich wintertauglich ist. Und dass er mit einer realen Teststrecke klarkommt, die weniger einer idyllischen Reise gleicht als einer permanenten Machbarkeitsstudie für Elektro-Optimisten.
Die erste Herausforderung wartet schon beim Start in Zagreb: Nieselregen, der bald dichter wird und im hügeligen Kroatien wie ein grauer Vorhang über der Landschaft hängt. Ein guter Moment, um die neue Fahrwerksabstimmung zu spüren. Der Allradler stemmt sich satt auf die Straße, bügelt Kanten und Flicken in der nassen Oberfläche erstaunlich souverän weg und bleibt selbst dann stabil, wenn die Temperaturen fallen und der Asphalt zunehmend schmierig wird. Das ist kein nervöses Elektro-Sportler-Hampeln, sondern ein angenehm erwachsenes Gleiten mit genug Puffer für spontane Überholmanöver, die dank der 5,1-Sekunden-Sprintkraft zu völlig unspektakulären Fingerübungen werden.
Auffällig ist, wie leise der Ioniq 6 trotz der widrigen Bedingungen bleibt. Hyundai hat das Modell akustisch weiter isoliert und damit einen Gegner besiegt, der Langstreckenfahrten im E-Auto oft anstrengender macht als die Reichweitenplanung: Windgeräusche. Auch in Slowenien, wo der Regen nun waagerecht fällt und Böen über die Karosserie zerren, bleibt das Cockpit ein erstaunlich ruhiger Raum. Einen Tick mehr Rückmeldung in der Lenkung hätte man sich vielleicht gewünscht, allerdings nie so sehr, dass man sie wirklich vermisst.
Am Übergang nach Slowenien stoppen uns die Zöllner, um unsere Pässe zu sehen – vielleicht aber auch nur, um einen längeren Blick auf den Ioniq 6 zu werfen. An den übrigen Grenzübergängen verrät nur die Farbe der Verkehrsschilder, dass man soeben in ein neues Hoheitsgebiet rollt. Und die neu geltenden Tempolimits, die das Navisystem bei jedem Grenzübertritt einblendet. Im Innenraum des Ioniq 6 fällt die neue Bedienstruktur positiv auf, weil sie nun einfacher zu verstehen ist. Die breite Leiste zwischen den Bildschirmen, die wichtigsten Tasten, die haptische Bedienung der Klimaeinstellungen – alles wirkt pragmatischer als zuvor, ohne dass Hyundai das Interieurdesign grundsätzlich verändert hätte. Es ist eher ein Aufräumen als ein Neustart. Und es hilft, denn auf einer Tour wie dieser möchte man nicht in tiefe Menüebenen abtauchen, nur um die Lüftung anzupassen oder eine der Assistenzfunktionen umzuschalten.
Die 800-Volt-Technik zeigt in Ungarn, was sie im Alltag bedeutet. Das Land ist landschaftlich weit und flach, ladeinfrastrukturell aber eher luftig aufgestellt. Wer hier eine Langstrecke elektrisch zurücklegen will, braucht Disziplin in der Tempowahl und Vertrauen in die Vorheizstrategie des Akkus. Zwar hat der große Akku genug Reserven, doch die Kälte, der Regen und konstante Autobahngeschwindigkeiten sorgen dafür, dass die Reichweitenanzeige sichtbar schneller sinkt als an warmen Tagen. Zwischen 0 und 3 Grad Celsius spielt sich alles ab, und die Batterie verliert aufgrund des Heizbedarfs und der widrigen Bedingungen sichtbar Energie. Das ist keine Überraschung, aber es zeigt, wie sehr Prospektzahlen von klassischen Wintertouren entfernt sind.
Vor allem wenn die Batterie nicht vorgeheizt ist. Bei einem ersten spontanen Ladestopp an einer Eon-Schnellladesäule, die mit ihrer Außenlackierung 300 kW verspricht, zieht der Akku anfangs gerade mal 60 kW, erst am Ende kommt er aber auch nur auf lediglich 118 kW. Jetzt rächt sich unser Ignorieren des ersten vorgeschlagenen Ionity-Ladestopp in Kroatien, weil der Akku noch über 65 Prozent hatte. Bis zur vereinbarten Mittagspause im österreichischen Parndorf am Neusiedler See fahren wir also mit maximal Tempo 120.
Dort angekommen, der Moment der Erleichterung in Form einer freien Ionity-Säule mit voller Leistung. Der Ladestrom klettert sofort in den hohen Bereich und in weniger als 20 Minuten zeigt der Akku wieder 80 Prozent. Während unsere Stimmung ein Hoch erlebt, zeigt sich auch die Alpenrepublik mit tief hängenden Wolken. Die Kombination aus Nebel, leichtem Schneeregen und schmieriger Fahrbahn zeigt, wie zuverlässig die Assistenzsysteme funktionieren und wo sie ihre Schwächen bloß legen. So greift der Spurhalteassistent zwar insgesamt zuverlässig, phasenweise aber etwas abrupt ein. Der Abstandstempomat reagiert manchmal etwas zu vorsichtig, wenn vorausfahrende Fahrzeuge Gischt aufwirbeln. Und die Verkehrsschilder werden gut erkannt, allerdings nicht immer fehlerfrei. Das lästige, weil allgegenwärtige, Tempowarngebimmel lässt sich immerhin durch dreisekündigen Druck der Lautsprecher-Walze im Lenkrad ausschalten.
Kurz darauf in der Slowakei lässt der Schneeregen den Asphalt nach und nach zu einer Mischung aus Matsch und Glätte werden. Hier wird der Allradantrieb zum ersten Mal wirklich relevant. Das System verteilt die Kraft zuverlässig und lässt auch bei spontanen Lastwechseln keine Unsicherheiten aufkommen. Der Wagen vermittelt vielmehr eine nüchterne Stabilität, die nicht vorgibt, sportlicher zu sein, als er ist. In rutschigen Kurven reagiert der Wagen kontrolliert und vorhersehbar, selbst Aquaplaning-Ansätze werden sauber abgefedert. Dass der Allradantrieb unterm Strich beim Verbrauch auch im Eco-Modus spürbar schlechter abschneidet als die Heckantriebsvariante, überrascht dagegen kaum – Physik bleibt Physik, auch mit Effizienzmodus.
Tschechien erreichen wird dann im Dunkeln. Die Autobahn an Brünn und Ostrava vorbei glänzt schwarz im Schein der Matrix-LED, die neuerdings etwas tiefer und markanter im Stoßfänger sitzen. Ihre Ausleuchtung ist präzise, ihr Zusammenspiel mit Kamera und Regensensor ordentlich, nur der durchgehende Regen macht dem besten Lichtkegel irgendwann Grenzen. Nicht aber dem Allradantrieb. In weiten Autobahnkurven bleibt er gelassen, in rutschigen Passagen kontrollierbar – man spürt, dass zwei Motoren an beiden Achsen stets genügend Reserve liefern, um das 2-Tonnen-Paket sauber an der Ideallinie zu halten.
Kurz vor Polen retten wir uns mit knapp 8 Prozent Restreichweite an eine weitere Ionity-Säule. Und siehe da, es geht doch: Zwar nicht mit den angegebenen 260 kW, aber immerhin mit 233 kW saugt der fast leere Akku wie ein Verdurstender die Energie in sich hinein und spuckt zum Dank nach 20 Minuten eine Restreichweite aus, die für den finalen Abschnitt locker reicht. Elektromobilität kann also auch im Winter funktionieren, wenn Planung und Technik zusammenarbeiten.
Die letzten Kilometer zwischen Kattowitz und Krakau verlaufen fast meditativ. Der Regen hat leicht nachgelassen, die Dunkelheit legt einen beruhigenden Schleier über die Straßen, und der Ioniq 6 saust als lautloses Geschoss in den Abend. Die Sitze, am Anfang der Reise noch Nebensache, sind nach zwölf Stunden ein entscheidendes Komfort-Argument. Nichts drückt, nichts zwickt. Und man merkt, dass Hyundai beim Facelift nicht nur auf Design und Ladeleistung gesetzt hat, sondern auf Langstreckentauglichkeit als Gesamtkonzept.
Der neue Ioniq 6 hat sich buchstäblich am Ende des Tages als ein Auto erwiesen, das speziell als Allradler mit winterlichen Bedingungen umgehen kann, ohne die Grenzen der Elektromobilität zu ignorieren. Er bleibt ein effizientes, leises und technisch gut abgestimmtes Fahrzeug, das jedoch – wie fast alle Elektroautos – stark vom Wetter, der Ladetechnik und der Strecke abhängig ist. Die Tour hat gezeigt, dass moderne Stromer auch unter ungünstigen Bedingungen im Alltag funktionieren, nur nicht immer so reibungslos, wie es Werbebilder suggerieren. (aum)
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Mit dem Hyundai Ioniq 6 an einem Tag durch sieben Länder.
Photo: Hyundai via Autoren-Union Mobilität
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