China übernimmt Führungsrolle in der Automobilindustrie

Als vor einigen Jahren die ersten chinesischen Automobile auf die internationalen Märkte rollten, konnten sich die etablierten Hersteller noch lächelnd zurücklehnen – die „China-Kracher“ fanden allenfalls in Schwellenländern eine Kundschaft, in den westlichen Märkten konnten auch die günstigsten Preise die Menschen nicht überzeugen. Das hatte Konsequenzen, und in China entstanden, vom Rest der automobilen Welt zunächst weitgehend unbeobachtet, Unternehmen, die sich auf die Elektromobilität konzentrierten.

Das Ergebnis: Unter den zehn weltweit meist verkauften Elektromobilen kamen im vergangenen Jahr allein sieben Modelle vom chinesischen BYD-Konzern, der 1995 als Akkuhersteller begonnen hatte und im Jahr 2003 als Automobilhersteller startete. Inzwischen belächelt niemand mehr die chinesischen Hersteller. In einer Studie des Münchner Strategieberatungsunternehmens Roland Berger (Automotive Disruption Radar 14) übernimmt China zunehmend die technologische Führung in der Automobilindustrie. „China legt mit hohem Tempo vor und dominiert inzwischen alle Schlüsselbereiche der Automobilindustrie – vom Marktanteil der Elektroautos über die Ladeinfrastruktur bis zu KI-basierten Fahrerassistenzsystemen. Außerdem entwickeln chinesische Hersteller neue Fahrzeuge innerhalb von 24 bis 40 Monaten, während die Europäer dafür 48 bis 60 Monate benötigen“, erklärt Wolfgang Bernhart, Partner bei Roland Berger.

In China, so die Studie, planen aktuell 95 Prozent der potenziellen Kunden, als nächstes Fahrzeug ein Elektromobil zu kaufen. Allerdings fehlt in der Studie der Hinweis, dass dieses Interesse nicht ganz freiwillig entstanden ist. Denn die Regierung in Peking und in den Provinzen sowie die Versicherungen erschweren den Kauf eines klassischen Modells mit Verbrennungsmotor. Während die E-Mobile schnell und preiswert zugelassen und versichert werden können, müssen die Liebhaber der konventionellen Antriebstechnik hohe und vor allem kostspielige Hürden überwinden, um eine Zulassung zu bekommen. Kein Wunder, dass die grünen Kennzeichen auf den Straßen dominieren. Inzwischen hat sich der Anteil der E-Mobile an den Zulassungen in China auf 25 Prozent erhöht, während der Anteil in Europa bei zwölf Prozent stagniert. In Deutschland fiel der Anteil von Verbrauchern, die sich vorstellen können, auf ein E-Mobil zu wechseln, von 55 Prozent im Jahr 2021 auf aktuell 45 Prozent.

Inzwischen dominieren zudem chinesische Hersteller den heimischen Markt, und daran wird sich, so die Studie, auch nichts ändern. Als Reaktion suchen die europäischen Hersteller zunehmend nach chinesischen Partnern, um Marktanteile zu sichern.

Hinter China belegen Südkorea, die Niederlande, Norwegen, Schweden und Singapur die nächsten Plätze der Berger-Studie. Deutschland erreicht in dieser Liste den siebten Platz und punktet, so die Experten von Roland Berger, trotz der rückläufigen Absatzzahlen bei Elektromodellen mit der „weiterhin hohen Patentaktivität“ sowie den schnellen Zulassungsverfahren für autonome Fahrfunktionen. Allerdings sinkt gleichzeitig das Interesse an Shared Mobility sowie den digitalen Angeboten für den Autokauf. Kunden wie auch Anbieter sind in diesen Bereichen sehr zurückhaltend.

Während sich Deutschland unter den führenden Automobilnationen halten kann, rutscht der US-amerikanische Markt deutlich ab und erreicht nur noch Platz 14. Die Experten von Roland Berger beobachten in den USA ein rückläufiges Interesse an neuen Technologien, und außerdem tragen die zunehmende Isolierung des Marktes angesichts politischer Unsicherheiten und dem Auslaufen von staatlicher Förderung zu einer Verunsicherung der Kundschaft bei, was sich am Ende in eine abnehmende Innovationsdynamik übersetzt.

China hat in den vergangenen Jahren vor allem im Bereich Software eine weltweit führende Rolle übernommen. Das konnte die Welt übrigens schon vor einigen Jahren in den von der staatlichen Führung definierten Planungen lesen, wurde aber offensichtlich nicht wirklich ernst genommen. Deshalb rät Roland Berger Partner Stefan Riederle den Automobilherstellern Allianzen mit chinesischen Herstellern einzugehen. „Es wird zur Überlebensfrage, strategische Allianzen, Softwarekompetenz und die Anpassung an die Unterschiede der Märkte miteinander zu verbinden. Autohersteller müssen künftig mit zwei Systemen arbeiten: einem für China, einem für den Rest der Welt.“ (aum)


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Fahrzeugproduktion bei BYD.

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Photo: BYD via Autoren-Union Mobilität


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Photo: Autoren-Union Mobilität/Wuttke


Flash Charging: BYD lädt mit bis 1000 kW.

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