Ciao bella macchina: Selbst der VW Golf wurde in Italien geformt
17. Juli 2025 Von Jürgen Pander
Schuhe, Handtaschen, Anzüge, Möbel – in diesen und weiteren Produktgruppen setzen italienische Firmen stilistische Maßstäbe. Autos gehörten auch einmal dazu, aber das ist schon länger her. Die große Zeit des italienischen Autodesigns, das waren die gut drei Jahrzehnte zwischen dem legendären Cisitalia 202, der 1947 debütierte, und dem ersten Fiat Panda, der 1980 auf den Markt kam. Pininfarina kleidete das Coupé Cisitalia ein: eine Karosserie wie ein Sommerkleid. Giugiaro gestaltete die „tolle Kiste“ (Werbeslogan), den Panda, einen rundum kantigen Kleinwagen, der trotz seiner Kargheit ein ästhetisches Ausrufezeichen setzte.
So unterschiedlich beide Autos wirken, so groß sind die stilistischen Gemeinsamkeiten. Die maximale Klarheit beider Karosserien, das Fehlen jeglicher Dekoration, die auf die Spitze getriebene Reduktion der Formen. „Italienisches Automobildesign vereint auf einzigartige und nie wieder da gewesene Art Tradition mit Innovation, Eleganz mit Funktionalität“, sagt Paolo Tumminelli, Professor für Design-Konzepte an der TH Köln. Der Cisitalia 202 wurde bereits 1951 in die Designsammlung des Museum of Modern Art in New York (MoMa) aufgenommen. Und tatsächlich prägte die unmittelbare, ungekünstelte Eleganz der Karosserie etliche Modelle, etwa den Lancia Aurelia B20 (1951), an dem auch Pininfarina mitarbeitete, den Alfa Romeo Giulietta Sprint (1954), dessen Design bei Ghia und Bertone entstand, oder der Maserati 2000 GT (1954), der mit Karosserien von Frua und Zagato auf den Markt kam.
Der in den USA geborene Designer Chris Bangle, der ab 1981 in Europa für Opel, Fiat und BMW in jeweils verantwortlicher Position arbeitete, erklärte die Besonderheit des italienischen Automobil-Designstils einmal so: „Erstens waren viele der damaligen Formgeber in Italien ursprünglich Architekten oder Ingenieure, und damit als Designer Quereinsteiger. Zweitens stand die technische Zeichnung, die ,piano di forma‘ im Mittelpunkt des Designverfahrens. Und drittens wurden die Zeichnungen zehntelmillimetergenau sowie im Maßstab 1:1 auf Modelle aus Gips übertragen. Mit diesem Material lassen sich scharfe, präzise Linien viel leichter ziehen als mit dem heute üblichen Ton.“ Die Kombination dieser drei Faktoren, so Bangle, habe zu einer „bemerkenswerten Klarheit“ im italienischen Automobildesign geführt.
Das führte zu einer Art stilistischer Dominanz der zahlreichen italienischen Sportwagen- und Kleinserienhersteller wie Maserati, Lancia, Alfa Romeo, Ferrari, Abarth, Bizzarini, Lamborghini, Iso Rivolta oder De Tomaso. Selbst Fiat profitierte von dieser speziellen Ästhetik und stieg in den 1960er-Jahren zum größten Automobilhersteller Europas auf (und zum viertgrößten weltweit).
Schon früh entfaltete diese gestalterische Energie eine enorme Anziehungskraft auf die Automobilindustrie in den anderen Ländern Europas sowie in den USA – und später auch in Japan. Bei Ghia etwa entstanden der Karmann Ghia (1955), der Renault Floride (1959) sowie zahlreiche Modelle für Chrysler; Pininfarina entwarf neben etlichen Ferrari-Modellen den Peugeot 403 (1955) und den Renault Espace (1985) sowie Modelle für Ford, Mitsubishi, Hyundai und Volvo; Bertone arbeitete unter anderem für Aston Martin, NSU, BMW, Opel und Volvo und bei Italdesign Giugiaro entstanden der VW Golf I (1974), der BMW M1 (1978), der DeLorean DMC-12 (1981) und der Saab 9000 (1985).
Ihre unbändige Kreativität bewiesen die Designhäuser aus Turin und Mailand vor allem auch durch etliche Konzeptfahrzeuge und Supersportwagen, darunter der Bizzarrini Manta (1968, Giugiaro), Ferrari 512 S Modulo (1970, Pininfarina) oder Lamborghini Countach (1971, Bertone). Gerade in den 70er-Jahren, als sich die Autoindustrie weltweit auf standardisierte Massenproduktion fokussierte, „verfügte Italien noch über hervorragende und gleichwohl bezahlbare Handwerkskunst, die es ermöglichte, gut und günstig Prototypen sowie Kleinst- und Kleinserien in Kundenauftrag zu realisieren“, erklärt Tumminelli.
Der Kleinserienbau, das Design und auch das Engineering, das die italienischen Unternehmen zu einer erstklassigen Adresse für die großen Automobilhersteller gemacht hatte, bedeutete zugleich eine immer größere Abhängigkeit von diesen Auftraggebern. Ab den 1990ern, so die Diagnose von Tumminelli, führte diese Konstellation in eine Abwärtsspirale für Bertone, Italdesign Giugiaro, Pininfarina und Co.. „Je mehr das Design zum strategischen Instrument im globalen Wettbewerb wurde, desto intensiver bauten die meisten Hersteller, nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen, eigene, große Designzentren auf.“ Und dort entstanden nach und nach sowohl eigene Designphilosophien als auch eigene Designkompetenzen.
Verlierer dieses Prozesses waren die meisten der traditionsreichen Designfirmen. Ghia wurde bereits 1970 von Ford aufgekauft, Bertone meldete 2014 Insolvenz an, Italdesign Giugiaro gehört seit 2015 zu Audi, Pininfarina gehört ebenfalls seit 2015 zu mehr als drei Vierteln dem indischen Mischkonzern Mahindra. „Im Prinzip haben die italienischen Designhäuser keinen Fehler gemacht“, sagt Tumminelli, „sie haben am längsten ein Geschäftsmodell am Leben erhalten, welches weltweit einmalig war – und zu einem kleinen Teil noch ist.“
Um die Tragik dieser Entwicklung zu erkennen, genügt ein Blick auf jede beliebige Straße, jeden Parkplatz: Die Autos sehen austauschbar aus. Viele belanglos, manche grotesk, die allermeisten zu groß, zu plump, zu aufgedunsen. Die gestalterische Qualität bleibt bei der Jagd nach Profit, Stückzahlen und kurzfristiger, maximaler Aufmerksamkeit auf der Strecke. „Unser heutiges globales, computergesteuertes, verbrauchsorientiertes Automobildesign ist kein Ersatz für die Besonderheit und unmittelbare Richtigkeit der Entwürfe, die das Design hervorgebracht hat, als es noch ein menschlich geprägtes Handwerk war“, sagt Paolo Tumminelli. „Das Auto wirkt nicht mehr künstlerisch, sondern künstlich.“ (aum)
Wenn Sie der Artikel für Ihr Medium interessiert, registrieren Sie sich bitte hier!
Dann können Sie den Artikel oder die Bilder und Videos herunterladen.
Ferrari 512 S Modulo (1970), Pininfarina.
Photo: Ferrari via Autoren-Union Mobilität
Cisitalia 202 (1947).
Photo: Wikipedia/CCO via Autoren-Union Mobilität
Cisitalia 202 (1947).
Photo: Wikipedia/CCO via Autoren-Union Mobilität
Alfa Romeo C6 2500 SS (1942), Bertone.
Photo: Alfa Romeo via Autoren-Union Mobilität
Italienische Schönheit: Alfa Romeo Giulietta von Bertone (1954).
Photo: Stellantis via Autoren-Union Mobilität
VW Karmann Ghia (1955).
Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität
Fiat 850 Spider (1965–1968), Bertone.
Photo: Fiat via Autoren-Union Mobilität
Fiat 124 Sport Spider (1966–1969), Bertone.
Photo: Fiat via Autoren-Union Mobilität
BMW 3200 CS (1965), Bertone.
Photo: BMW via Autoren-Union Mobilität
BMW 3200 CS (1965), Bertone.
Photo: BMW via Autoren-Union Mobilität
Maserati Ghibli (1966), Ghia.
Photo: Maserati via Autoren-Union Mobilität
Maserati Ghibli (1966), Ghia.
Photo: Maserati via Autoren-Union Mobilität
Ferrari Dino von 1969, Pininfarina.
Photo: Ferrari via Autoren-Union Mobilität
Peugeot 504 Coupé (1969), Pininfarina.
Photo: Peugeot via Autoren-Union Mobilität
Alfa Romeo Montreal (1970–1977), designt von Marcello Gandini (Bertone).
Photo: Alfa Romeo via Autoren-Union Mobilität
Alfa Romeo Montreal (1970–1977), designt von Marcello Gandini (Bertone).
Photo: Alfa Romeo via Autoren-Union Mobilität
Designer Marcello Gandini am Lamborghini Countach LP 400 S (1978–1982).
Photo: Autoren-Union Mobilität/Lamborghini
Lamborghini Countach LP 400 (1973 - 1981).
Photo: Auto-Medienportal.Net/Lamborghini
Lamborghini Countach LP 400 (1973 - 1981).
Photo: Auto-Medienportal.Net/Lamborghini
Lamborghini Countach LP 400 (1973 - 1981).
Photo: Auto-Medienportal.Net/Lamborghini
VW Passat (1973), Italdesign Giugiaro.
Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität
VW Golf I (1974), Italdesign Giugiaro.
Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität
VW Golf I (1974), Italdesign Giugiaro.
Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität
VW Scirocco (1974), Italdesign Giugiaro.
Photo: Volkswagen via Autoren-Union Mobilität
Ferrari 308 GTB (1975), Pininfarina.
Photo: Ferrari via Autoren-Union Mobilität
Ferrari 308 GTB (1975), Pininfarina.
Photo: Ferrari via Autoren-Union Mobilität
BMW M1 (1978), Italdesign.
Photo: BMW via Autoren-Union Mobilität
BMW M1 (1978), Italdesign.
Photo: BMW via Autoren-Union Mobilität
DeLorean DMC-12 (1981), Guigiaro.
Photo: Italdiesign Guigiaro via Autoren-Union Mobilität
DeLorean DMC-12 (1981), Guigiaro.
Photo: Italdiesign Guigiaro via Autoren-Union Mobilität
DeLorean DMC-12 (1981), Guigiaro.
Photo: Italdiesign Guigiaro via Autoren-Union Mobilität